Welche Brennweiten für die Reisefotografie? – Brennweite 28mm + 75mm
Wer im Internet nach den idealen Brennweiten für die Reisefotografie sucht, wird zahlreiche Artikel finden, die möglichst viele Brennweiten beschreiben. Und zugleich zu jedem empfohlenen Objektiv einen Verkaufslink entdecken. Ist das seriöse und konstruktive Information oder trägt es mehr zur Verwirrung bei? Versprochen- so etwas gibt es bei uns nicht. Wir fotografieren schon viele Jahre mit zahlreichen Brennweiten in der Reportagefotografie und auch in der Reisefotografie. Heraus kristallisiert haben sich vor allem zwei Brennweiten: 28mm und 75mm. Warum das so ist, erzählen wir hier.
Die Ansprüche an die Reisefotografie
Worum geht es in der Reisefotografie? Und damit sogar im eng verwandten Genre auch der Reportagefotografie? Es geht um Geschichten in Bildern zu erzählen. Um aber an diesen Punkt zu kommen, geht es vorab um leichtes Gepäck und um respektvolle Begegnung mit einer Welt, in der wir Gast sein dürfen.
Wer sich also mit den idealen Brennweiten der Reisefotografie auseinander setzt, sollte diese beiden Punkte für sich vorab hinterfragen. Natürlich kann man sich den ganzen Koffer voll packen für alle möglichen Eventualitäten. Aber wie sieht es aus mit Rucksack-Reisen, mit Fahrradtouren? Oder mit dem Handgepäck im Flugzeug? Wird die Kamera zudem im Hotel in den kleinen Safe passen, wenn man auch mal „ohne“ unterwegs sein möchte? Hat man die Kamera unterwegs einfach mal schnell zur Hand, ohne seine Nachbarschaft damit zu erschlagen?
Wir sind sehr oft im hohen Norden unterwegs. In der Vergangenheit bin ich in der Gruppe zwei bis drei Wochen mit Ski und Rucksack von Hütte zu Hütte gelaufen. Oder alleine fast drei Monate nach Karte und Kompass gewandert. Mit dem Flugzeug in Nordrussland oder Griechenland gewesen, mit vollbeladenem Auto in England oder drei Monate mit dem Bulli in der südlichen Arktis. Das sind nur ein paar Beispiele, in denen mir die Kostbarkeit von Platz und Volumen immer wieder vor Augen geführt wurde. Zahlreiche Brennweiten und unterschiedlich umfangreiches Equipment haben mir gezeigt, dass die Brennweiten 28mm und 75mm zugleich die universellsten waren. Die meisten Bilder entstehen bis heute mit ihnen.
Brennweite 28mm + 75mm als Autofokus oder manueller Fokus?
Genauso wie mit den Brennweiten habe ich meine Erfahrung mit manuellem und automatischen Fokus wie auch mit Festbrennweiten und Zoom-Objektiven gemacht. In der Reisefotografie kann man aus eigener Erfahrung durchaus auf den Autofokus verzichten. Mit ein wenig Übung wird man mit einem manuell zu fokussierenden Objektiv gut klar kommen. Denn oftmals sind die Motive relativ statisch. Selbst sich parallel zur Sichtachse bewegende Objekte lassen sich völlig ohne Probleme scharf abbilden.
Wir selbst haben die Brennweite 75mm in Ausführungen mit und ohne Autofokus. Mit einem Weitwinkel wie die Brennweite 28mm ist die Schärfeebene von Natur aus deutlich größer. Das vereinfacht das manuelle Fokussieren umso mehr. Dabei haben manuell zu fokussierende Objektive aber mehrere unerwartete Vorteile gegenüber ihrer Autofokus-Pendanten.
Unschlagbare Vorteile von manuellen Fest-Brennweiten in der Reisefotografie
Der entscheidende Vorteil von manuell zu fokussierenden Brennweiten in der Reisefotografie ist die Größe der Objektive. Selbst hochauflösend haben unsere beiden Brennweiten von 28mm und 75mm einen Filterdurchmesser von gerade einmal 39mm bzw. 49mm. Die Anfangsöffnungen liegen dabei bei 2.8 bzw 2.0. Das gleiche gilt umso mehr für vergleichbare Zoom-Objektive. Wir hatten zwei Jahre lang ein Zoom mit durchgehender Anfangsöffnung 2.8 und einem Brennweitenbereich 24-70mm. Ein wahrer Brocken. Filtergewinde 82mm. Gewicht 856 Gramm. Unsere beiden hier genannten Festbrennweiten kommen zusammen auf ein Gewicht von 641 Gramm!
Ein weiterer Vorteil bei analogen Festbrennweiten ist die aufgedruckte Skala der Schärfenbereiche. Bei aktuellen Autofokus-Objektiven wird gerne aus unerfindlichen Gründen darauf verzichtet. Man sollte mal versuchen, solch ein Autofokus-Objektiv manuell in Unendlichkeitsstellung zu bringen. Denn auch ein Autofokus hat Leistungsgrenzen. Das ist schier zum Verzweifeln.
Die modernen Objektive sind in der Regel so konstruiert, dass sie bei offener Blende eine Leistung erbringen, die weiter abgeblendet wenn überhaupt nur unwesentlich gesteigert werden kann.
Reisefotografie ist vielfältig. In der Natur, im Restaurant, bei einem Konzertbesuch, in der Kirche oder dem Tempel- überall lauern förmlich die Motive. Gut, wenn man in allen Situationen höflich und zurückhaltend sein kann. Dazu gehört auch, dass die Objektive klein und leise sind.
Abgesehen davon werden gute manuelle Brennweiten viele ihrer motorisch angetriebenen Brüder und Schwestern zeitlich überstehen. Da gibt es keine Elektronik und keine Antriebe, die kaputt gehen können.
Allerdings bieten auch Kompaktkameras mit Autofokus und lediglich einer Brennweite von 28 oder 35mm eine hervorragende Möglichkeit, seine Reise zu begleiten.
Die Anfangsöffnung oder die Wichtigkeit des Bokeh
Zum einen haben moderne Kameras einen hohen Dynamikumfang, zum anderen eine mittlerweile feine Auflösung in Verbindung mit geringem Rauschen. Eigentlich sind hohe Anfangsöffnungen wie man sie in der analogen Fotografie nutzt gar nicht erforderlich. Wäre da nicht der heilige Gral des Bokeh.
Selbst extreme Weitwinkel sollen heute ein Bokeh erzeugen. Was früher als physikalisch unvermeidbarer Bildfehler gesehen wurde ist heute ganz hipp. Aber mal ehrlich- wenn wir mit unseren Augen in der realen Welt Bokeh sehen, rennen wir zum Augenarzt.
In der Reise- und Reportagefotografie wird man gestalterisches Bokeh idealer Weise nur sehr zurückhaltend einsetzen. Denn wie soll ein Bild eine Geschichte erzählen, wenn die Umgebung des Hauptmotivs in weicher Suppe zerfließt. In einem gut kreierten Bild wird der Betrachter jeglichen Geschlechts seinen inneren Fokus auf das Hauptmotiv setzen, wenn nicht durch KI die eigene Fantasie und Vorstellungskraft selbst zum Bokeh geworden ist.
Klar will uns die Fotoindustrie gewaltige Anfangsöffnungen von unter 2.0 verkaufen. Aber dies aus Wettbewerbsgründen- nicht, weil wir damit besser fotografieren. In der Reisefotografie macht sich dieser Bokeh-Wahn vor allem in Preis, Gewicht und Größe der Objektive erlebbar. Diesen Wahn gepaart mit Autofokus beschert der Umwelt wahre optische Rohre, in die man nur unfreiwillig herein schauen würde. Zurückhaltende Fotografie und damit spontane und authentische Momente gehen anders.
Wenn ich in Abendveranstaltungen bei teils gruseligen Lichtverhältnissen fotografiere, werde ich nicht selten ehrfürchtig nach der Anfangsöffnung des Objektivs gefragt. Nicht selten zeige ich dann auf Blende 2.8 oder 3.4 und ernte Verwunderung. Nun habe ich auch meine Erfahrung mit einer Anfangsöffnung von 1.4. Aber die Schärfe bei einer Öffnung von 1.4 bei wenig Licht zu setzen ist schon eine Herausforderung. Vor allem aber auch hier steht die Kompaktheit der Objektive und die damit verbundene Zurückhaltung bei Publikumsveranstaltungen an erster Stelle.
Wir selbst haben, um in der Reisefotografie zu bleiben, beim Weitwinkel mit 28mm Brennweite eine Anfangsöffnung von 2.8 und bei den Objektiven mit 75mm eine Anfangsöffnung von 2.0. Auch damit gelingen unscharfe aber immer noch definierbare Hintergründe. Und zwar dort, wo sie gestalterisch Sinn machen.
Die Brennweite 28mm in der Reisefotografie
Man gebe mir eine Festbrennweite und ich fotografiere eine ganze Reise damit. Aber die lebendigsten Bilder werde ich mit 28mm oder 35mm Brennweite erreichen. Tatsächlich haben wir die Brennweite 28mm aufgrund des etwas großzügigeren Bildwinkels. Dieser lässt aber immer noch die Möglichkeit von ansehnlichen Ganzkörperaufnahmen, erzählenden Innenaufnahmen und ausgeglichenen Landschaftsaufnahmen zu. Gerade im Hinblick auf beispielsweise weiße Wolken und blauem Himmel bietet die Brennweite 28mm eine ausgeglichene Dramatik.
Unsere Brennweite 28mm mit Anfangsöffnung 2.8 ist eines der kleinsten Objektive am Markt bei gleichzeitig überwältigender Auflösung, Schärfe, Kontrastleistung und was auch immer. Unauffälliger als mit einer Brennweite 28mm oder 35mm kann man auf Reisen nicht fotografieren.
Sowohl im gewissen Maße Nahaufnahmen wie auch lebendigen Übersichtsaufnahmen bleiben Bilder bei 28mm spannend. Extreme Weitwinkel können in der Bildfolge immer nur akzentuiert eingesetzt werden. Oftmals erreicht man mit 28mm Brenweite aber den gleichen Effekt. Und wenn mal gar nichts hilft, macht man zwei oder drei Aufnahmen nebeneinander oder übereinander und setzt sie mit sogar deutlich höherer Auflösung später zu einem Panorama zusammen. Eines meiner liebsten Beispiele findet sich auf der Website Messsucherwelt.com im Titelbild. Ein weiteres hervorragendes findet sich auf gleicher Website hier. Übrigens in beiden Fällen mit spannender Auswahl von Bildern zur Brennweite 28mm und ebenso Praxis-bezogenen Artikeln.
Nicht ohne Grund gehört übrigens eine Edelkompakte mit Autofokus und Brennweite 28mm zu den erfolgreichsten Kameramodellen eines deutschen Herstellers. Solch eine Kamera kann ebenso allein der ideale Reisebegleiter sein.
Die Brennweite 75mm in der Reisefotografie
Wir machen kein Review innerhalb von Tagen nach Erscheinens eines neuen Objektivs. Machen kein Video, wo wir die Verpackung öffnen, ein Objektiv gleich welchen Herstellers auspacken und erzählen, was uns in diesem Moment abgeht. Wir schreiben und erzählen aus persönlicher und in Jahren gesammelter Erfahrung.
Denn mit einer Brennweite zu fotografieren bedeutet sich mit dieser Brennweite und auch mit dem eingesetzten Objektiv auseinander zu setzen. Manchmal verzweifelt man dabei an der eigenen Bildgestaltung, mal an den Unzulänglichkeiten einer Brennweite oder eines Objektivs, um daraus zu lernen und mit neuem Ansatz heran zu gehen. Genauso ging es mir mit der Brennweite 75mm in der Reisefotografie.
Die Brennweite 75mm ist durchaus ein Exot. Sie liegt genau zwischen 50mm und 90mm Brennweite. Für einige ist das ein Grund auf sie zu verzichten. Für uns aber der Grund, auf 50mm und 90mm zu verzichten. Die Brennweite 75mm hat in unserem Fall mit ihrer Anfangsöffnung von 2.0 die gleiche Bildwirkung wie die Brennweite 50mm mit Anfangsöffnung von 1.4. Und sie hat in unserem Fall einen deutlich besseren Nahbereich als bei der Brennweite 90mm.
In Kombination mit der Brennweite 75mm und 28mm gelingt es uns somit wunderbar, Reisegeschichten zu erzählen. Eine gute Bildergeschichte auf Reisen besteht idealer Weise aus einer Totalen (Übersichtsaufnahme), Halbtotalen (Näher dran) und einer Nahaufnahme. Da könnte die Brennweite 28mm die Totale und Halbtotale übernehmen, die Brennweite 75mm die Halbtotale und die Nahaufnahme. Unabhängig davon sind auch beide Brennweiten dazu geeignet, weitgehend alle drei Aufnahmen zu übernehmen. Mit einem geänderten Standort wird man im übrigen verwundert sein, wie oft man andere Brennweiten mit diesen beiden Brennweiten ersetzen kann.
Fazit
Sicherlich braucht man zur Fotografie von Flugzeugen, von wilden Tieren, von ziehenden Vögeln andere Brennweiten. Doch mit 28mm und 75mm sind alle Themen der klassischen Reisefotografie abgedeckt. Ob Portraits, Street, ob Natur oder sportliche Aktivitäten, ob Museen, Oldtimer, Festivals, Architektur- mit eigenem Können wird man entspannt Bilder einfangen, von denen man vielleicht selbst überrascht ist.
Dabei bleibt die Reisefotografie entspannt. Kaum ein Objektiv-Wechsel und damit kaum Sensor-Verunreinigung, kein ständiger Entscheidungs-Streß nach der Wahl der Brennweite, kein umständliches Hantieren und ebenso kein Gepäck-Problem. Wer nach dem System Eine Kamera – ein Objektiv unterwegs sein möchte, dem empfehlen wir eine Brennweite von 35mm oder 28mm.
Um bei den manuell zu fokussierenden und damit sehr kompakten Hochleistungs-Objektiven kann man beispielsweise mit den Produkten von Zeiss, Voigtländer oder Leica nichts falsch machen.
Joerg-Peter Rau, Chef-Redakteur vom Südkurier, hat in einem Artikel der Messsucherwelt die gleichen Brennweiten zum Thema Reisefotografie unter Einsatz von Voigtländer-Objektiven beleuchtet. Zum Artikel geht es hier…

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