Wie sinnvoll ist der Nahbereich in der Messsucherfotografie? Das neue Summilux M 35mm ASPH. close focus
Bei zahlreichen Kritiken über das Leica Messsucher-System mit seinen M-Kameras und Objektiven wird regelmäßig der mangelnde Nahbereich kritisiert. Denn technisch durch en optischen Sucher begrenzte Nahbereich der Leica M-Kameras lässt Abstände kürzer als 70cm kaum zu. Ein darüber hinausgehender Abbildungsmaßstab war darüber hinaus nur in Ausnahmefällen notwendig. Doch Hersteller wie Leica, Voigtlaender oder Zeiss haben reagiert und bieten diese Objektive nun mit vergrößertem Nahbereich an. So liegt dieser beispielsweise beim neuen Leica Summilux M 35mm ASPH. close Focus bei 40cm oder beim APO Summicron M 35mm gar bei 40cm. Doch wie elementar wird der Nahbereich in der allgemeinen Fotografie tatsächlich genutzt? Ein Praxistest, ein echtes Langzeitreview bringt mir eine spannende Erkenntnis. Um es vorweg zu nehmen- mit einer analogen Leica M Kamera ist ist der Naheberich unter 70cm nicht nutzbar.
Wenn man in der Messsucherwelt rund um das Leica M System in Makrobereich unterwegs sein möchte, enden hier ohne technische Zusätze wie Naheinstelllinsen oder Makro-Adapter die Möglichkeiten bei Abbildungsmaßstäben bei etwa 1:7. Und das bei Brennweiten von 75mm und 90mm. Nicht nah genug, so wird es immer wieder bemängelt. Nun hat Leica in den lezten Jahren manuell zu fokussierende Objektive im Brennweitenbereich 28- 50mm herausgebracht, mit denen man durch geringe Nahbereiche fast identische Abbildungsmaßstäbe der größeren Brennweiten erreichen kann.
Gleichzeitg führt aber ein Retro-Trend dazu, dass Objektive der ersten Generationen neu aufgelegt werden, die gar zum Teil einen schlechteren Nahbereich haben. So liegt dieser beim neu aufgelegten Leica Summilux M 1.4/35mm Steel Rim bei gar einem Meter. Das führt in der Entscheidungsfindung nicht selten zu einem inneren Drama.
Da ich nun beide Objektive aus der Praxis kenne und schätze, habe ich auf unserer diesjährigen Skandinavientour das Experiment gewagt, den Nahbereich bewusst zu beachten und teilweise Vergleichsaufnahmen mit Abständen 40cm, 70m und 100cm zu probieren. Die Frage aller Fragen ist mir persönlich dabei, ob und wie ein dichterer Nahbereich die Bildaussage tatsächlich verändert und wie oft ich in der normalen Reise- oder Reportagefotografie überhaupt in Verlegenheit komme, einen vergrößerten Abbildungsmaßstab zu nutzen. Im Übrigen gibt es auch aktuelle Objektive wie das Leica APO M 90mm f2 mit einer Naheinstellgrenze von einem Meter.
Ich erinere mich auch nach vielen viele Jahren an die Vorstellung eines neuen 3er BMW in der Stufenheck-Variante. Der Fahrer eines Opel Corsa bemängelte dabei den so kleinen Kofferraum. Für mich ein Beispiel, wie Nichtnutzer eines Systems doch lautstark Dinge gemängeln oder einfordern, die sie selbst gar nicht benötigen. Aber sie verschaffen sich damit Beachtung und Gehör. Menschen, die sich tatsächlich mit solchen Themen in der Praxis auseinander setzen, lassen sich nicht selten davon verunsichern. Und so kommen dann auch die Hersteller in Zugzwang oder haben unaufgefordert ein neues Marketinginstrument ind er Hand. Eines, dem wir doch nicht selten allzugern folgen. Aber bleiben wir beim Thema Fotografie und expliziet beim Nahbereich. Wie sinnvoll ist er wirklich?
Ein Schwerpunkt der Messsucherfotografie ist das Erzählen von Geschichten. Sei es in der klassischen Reportage, in der Reise- oder auch in der Portraitfotografie. Im Bild befinden sich eine Hauptüberschrift, vielleicht noch eine Unterüberschrift und dann noch eine Beschreibung der Umgebung. Gerade die Umgebung lässt es erst zu, ein Bild einzuordnen.
Aber je näher ich einem Objekt komme, um so weniger Möglichkeiten habe ich, einem Bild eine Unterüberschrift oder gar einen Text mitzugeben. Um so eingeengter der Blickwinkel. Ebenso ist bei zahlreichen Motiven ein dichter Nahbereich gar nicht möglich, will man das eigentliche Motiv überhaupt erfassen.
Ich spreche hier nicht von Makrofotografie. Menschen, die Hummeln, goldene Ohranhänger, Tannennadeln oder Schneeflocken fotografieren, werden her kaum zu einem Messsuchersystem wie der Leica M greifen. Sie werden sich auch nicht pauschal auf einen geringen Nahbereich einlassen, sondern vielmehr speziell auf den Nahbereich korrigierte Makroobjektive mit einem Abbildungsmaßstab von 1:1 konzentrieren.
Es geht mir vielmehr um die Frage, ob pauschale Kritiken, Forderungen und daraus resultierende Angebote wirklich Sinn machen oder ob man ohne solche auch bestens zurecht kommen wird bzw. ob man die nun neu gewonnenen Möglichkeiten wirklich nutzt. Vor allem sinnvoll nutzt. Diese Frage möchte ich auch gar nicht für andere beantworten. Aber einladen, genau diese sich selbst zu stellen.
Persönliches Fazit
Eigentlich ist meine gängige Traumkombination in der Reportage- und Reisefotografie das kleine Leica Elmarit M 28mm und das APO 75mm f2. Beim Wandern in den Bergen wird die Brennweite gegen das kleine Makro M 90mm f4 getauscht. Damit habe ich sowohl einen breiten Brennweitenbereich als auch einen guten Abbildungsbereich von 1:7 erreicht.
Insgesamt aber nutze ich den extremen Nahbereich eher selten. So bräuchte ich kein Weitwinkel- oder Normalobjektiv mit speziell diesen Eigenschaften. Eine solche Möglichkeit zu haben ist Luxus. Aber ein schöner, wenn ich allein mit einem einzigen Objektiv wie z.B. dem Summilux M 35mm ASPH. durch mein Leben ziehe. So zum Beispiel, wenn ich im Café den Kaffee und Kuchen auf meinem Tisch fotografieren möchte. Weniger aber wiederrum, wenn ich dabei mein Gegenüber auf Sensor oder Film banne.
Der Nahbereich ist für mich so etwas wie dekorative Fotografie. Man kann eine Bilderserie damit ergänzen, ohne die aber für die Bildaussage zu müssen. Meistens bin ich mit einem Aufnahmeabstand von 70cm bestens zurecht gekommen. Eine Unterschreitung wäre gar sinnlos gewesen. Um wirklich aussagekräftige Bilder zu machen, brauche ich den Nahbereich unter 70cm definitiv selten bis gar nicht.
Wer also ein gutes Objektiv der gleichen Brennweite mit größerem Aufnahmeabstand hat, müsste nicht Angst haben, etwas zu vermissen.
Die Kombination Nahbereich und Offenblende
Eine weitere Frage stellt sich natürlich bei einem engen NAhbereich in Kombination mit hoher Blendenöffnung. Wenn ich wirklich auf 40cm Abstand gegangen bin, musste ich auf mindestens Blende 2.4 gehen, um Playmobil-große Figuten sinnvoll ablichten zu können. Mitunter habe ich gar auf f11 abgeblendet, um die notwenige Tiefe in der nahen Umgebung abbilden zu können. Beides für sich genommen ist eine tolle Sache, in Kombinatiuon aber macht es zumindest für mich keinen Sinn. Zumal auch das Bokeh bis Blende 2 fast vergleichbar ist.
Die Zukunft wird zeigen, wie sehr ich den engeren Nahbereich mit der Brennweite 35mm in der unbewussten Entdeckung meiner Umgebung tatsächlich nutze.
Grundsätzlich aber wünsche ich mir, dass wir wieder glücklicher werden mit dem, was wir haben so wie wir es doch waren, als wir es bekamen. Berührende und ergreifenden Aufnahmen kommen aus jener Zeit, an dem man aus meiner Sicht doch vielleicht ein Stück zufriedener war mit dem, was man hatte.

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