Vardø am Varanger in der Barentssee
Wir sind auf der Varanger-Route unterwegs und folgen der nicht enden wollenden Küstenstraße nach Norden. Geradeaus gibt es jetzt nur noch eine Schotterpiste. Wir biegen ab und fahren durch den etwa zwei Kilometer langen Tunnel auf die Insel Vardøyer mit dem kleinen Städtchen Vardø. Damals wie heute hat Vardø enorme strategische Bedeutung. Eine große Satellitenanlage soll sich offiziell um die Ortung von Weltraumschrott kümmern. Aber das Einflussgebiet der NATO endet nur wenige Kilometer weiter an der russischen Grenze. Immerhin ist Vardø die östlichste Gemeinde von Trondheim. Vardø liegt sogar östlicher als beispielsweise Istanbul oder St. Petersburg. Trotz allem nimmt alles hier in durchaus rauher und stürmischer Umgebung seinen Lauf.
Vardø als östlichste Gemeinde ist zugleich auch der östlichste Punkt von Norwegen. Zu ihrem Gebiet gehört aber auch ein Teil des Festlandes und die vorgelagerte kleine Vogelinsel Hornøy mit ihrem Leuchtturm. Etwa 1960 Menschen sind in Vardø zuhause.
Strategisch von Bedeutung war Vardø schon mit seiner Besiedlung ab dem Jahr 1306. Vardø wurde als Festungsstadt gegründet und sollte einen Vorposten gegenüber Russland bilden. Denn obwohl man gegenseitig bis zur russischen Revolution Handel betrieb, argwöhnte man sich auch. So Russlandfreundlich durchaus die hier lebenden Menschen sind, so misstrauisch ist aber seit jeher das Verhältnis der beiden Länder.
Seit 1789 ist Vardø im Besitz der Stadtrechte. Zwar spielt heute der Tourismus eine kurze Nebenrolle. Das Hauptgeschäft liegt aber in der Fischerei und Fischverarbeitung.
Und so ist Vardø ein dekoriertes Arbeiterstädtchen. Blühende Blumen, Sträucher oder gar Bäume sucht man hier vergebens. Der sub-arktische Sommer ist kurz und die Witterung rau. Aber auch das macht wiederum einen ganz eigenen Charme aus. Ausgediente Fischerboote werden am Ufer sich selbst überlassen. Nicht mehr funktionierende Lastwagen auf unabsehbare Zeit geparkt. Die bunten Häuser nur der unbedingten Notwendigkeit geschuldet gestrichen.
Und doch gibt es eine moderne Bibliothek mit beeindruckendem Schwimmbad und ein modernes und einladendes Hotel im Zentrum. Aus früherer Zeit dagegen erzählen die alten Fischereihallen neben der neuen Fischverarbeitung. Hier ist das Pomorenmuseum Vardø untergebracht. Es setzt sich mit der Zeit des Handels mit Russland auseinander.
Wenn es nirgendwo in Vardø einen Baum gibt, dann hat man es hier trotzdem versucht, in der Festung Vardøhus, der nördlichsten Festung der Welt. Sie war wichtiges Verteidigungsinstrument gegenüber Russland, um die Finnmark vor Eindringlingen zu schützen. Tatsächlich wurde hier ein Baum gepflanzt und beschützt und gehegt und gepflegt. Ob er es geschafft hat, verraten wir im unten genannten Artikel über Vardøhus.
Immerhin werden auch heute noch die Kanonen eingesetzt. Allerdings, um den ersten Sonnenstrahl des Jahres zu begrüßen. Immerhin herrscht über den Jahreswechsel totale Finsternis. Wenn dann die Sonne nur eine Spur mittags über den Horizont erscheint, wird sie mit Salutschüssen begrüßt. Die Kinder haben dann frei.
Den letzten tatsächlichen Einsatz hatten die alten Kanonen zu Beginn der Besetzung durch die Deutsche Wehrmacht. Verzweifelt schossen die Soldaten auf die deutschen Flugzeuge. Aber die Besetzung konnten sie damit leider nicht verhindern.
Neben der Verteidigung diente Vardøhus aber auch als Gerichtsstätte. Und als solche war sie in der Finnmark blutig und gefürchtet. Vor allem Anklagen zur Hexerei wurden hier verhandelt. Hexenverbrennung ist nämlich ein gesellschaftliches und nicht wie oft irrtümlich behauptet, von der Kirche ausgehend. Gerade in einer armen Region wie der Finnmark suchte man oft für sein eigenes Leid andere Schuldige. Wurde eine Frau der Hexerei bezichtigt, so musste sie im Meer schwimmen gehen. Wer es schaffte, wieder an Land zu schwimmen, war der Hexerei überführt und wurde auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Wer ertrank, war erwiesen unschuldig.
Heute erinnert das Hexenmahnmal Steilneset an diese grausame Epoche mit einem berührenden Denkmal. Hier kann man alle Urteile der Opfer lesen und sich in der ewigen Flamme selbst in den Spiegel beschauen. Als wäre man einer der Schaulustigen einer solchen Verurteilung gewesen.
Heute sind die Herausforderungen von Vardø ganz andere. Die USA haben einen Teil des Raketenschildes in einer großen soeben neugebauten Radaranlage in Betrieb genommen. Die Einwohner bekommen regelmäßig die Boten des Kalten Krieges zu spüren, wenn Russland verdächtigt wird, mal wieder das GPS zu stören. Aber an einem anderen Ort leben, das können sich die wenigsten Menschen vorstellen.
Als im Krieg Vardø komplett zerstört wurde, wollten sie genau hier, auf ihrer Insel wieder aufbauen und nicht, wie angedacht, auf dem Festland. Davon handelt eine andere Geschichte.

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