Nordland

Das wiederbelebte Geisterdorf auf Vesteralen – Nyksund

Nyksund-Versterålen, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. Kodak Ektar | © mare.photo
Nyksund-Versterålen, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. Kodak Ektar | © mare.photo

Wenn man heute verlassene Gegenden wiederbeleben will, muss man sie nur in den einschlägigen Foren als Lost Place vermarkten. Sofort werden die Menschen hier her strömen und die Einsamkeit beenden. Irgendwie so muss es dem Geisterdorf Nyksund auf Vesteralen in Nordnorwegen ergangen sein, denn ein wenig wirkt Nyksund wie von den Toten auferstanden.

Auferstehen, Staub abschütteln, Nyksund auf Vesteralen

Nyksund-Versterålen, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. Kodak Ektar | © mare.photo

Nyksund-Versterålen, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. Kodak Ektar | © mare.photo

In der Regel ist Social Media mehr Fluch als Segen, auch für den Tourismus. Denn Zielgruppen lassen sich damit kaum steuern. Ob es nun Social Media Kanäle waren, die dem verlassenen Fischerort Nyksund auf Vesteralen wieder Leben einhauchten, weiß ich nicht. Aber es gibt Menschen, die haben sich diesem einsamen Dorf in der arktischen Klimazone angenommen und unabsichtlich andere Menschen motiviert, in diese verwunschene Gegend zurück zu kommen. Heute teilen sich etwa 15 Einwohner den Platz mit etwa 40 Tagestouristen. Bewahre Nyksund nur vor der Karawane der Kreuzfahrer, die knipsend in Massen hier durch latschen würden und damit die Seele dieses einzigartigen Nyksund verschrecken könnten. 

Wie ich auf Nyksund aufmerksam wurde

Nyksund-Versterålen, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. Kodak Ektar | © mare.photo

Nyksund-Versterålen, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. Kodak Ektar | © mare.photo

Wer einen Reiseblog betreibt, wird oft beneidet. Überall hinfahren können und dafür noch ggf. Geld bekommen oder zumindest eingeladen zu werden, ein Traum. Ist es auch, dennoch bekommt man auch hier nichts geschenkt. Im Fall unserer Norwegenreise beginnt für diese Artikelserie die intensive Vorbereitung etwa zwei Monate vor Abfahrt. Und dazu gehört für eine gute Reiseplanung Recherche, Recherche und nochmals Recherche. Dazu gehört auch, das Brauchbare von Datenmüll zu trennen, mindestens ebenso zeitaufwendig.

Ganz klassisch werden Bildbände und Reiseführer durchgeblättert, in Magazinen und Zeitschriften gestöbert und natürlich ganz neumedial auch das Internet durchsucht.

Wikipedia mit all seinen Unterorganisationen steht zwar in den Suchmaschinen immer ganz oben, ist aber in meinen Augen eines der unbrauchbarsten Medien, weil die Schreiber der Artikel oft gar nicht selbst vor Ort waren oder die Artikel nicht gepflegt sind. Genauso unbrauchbar empfinde ich Portale, die Ortsnamen nur als Suchbegriffe für die Auffindbarkeit der eigenen Seite missbrauchen. 

Gute Blogs und Reisereportagen gibt es wenige, ausdrücklich gehören für mich zu Skandinavien visitnorway, meerblog.de, noor magazin, indernaehebleiben.de oder Artikel von mare, GEO; die Zeit, Spiegel,  Deutschlandfunk dazu, auch entsprechende regionale Medien vor Ort. In diesem Fall bin ich bei der Recherche zu Nyksund / Vesteralen auf einen Blog gestoßen, der namentlich so gar nichts mit Meer zu tun hat und genauso wenig mit Skandinavien.

Auf  köln-format habe ich einen Artikel entdeckt, der mich auf Nyksund auf Vesteralen aufmerksam machte. Heike Kaufhold hat auf ihrem Blog vor fünf Jahren ihre Eindrücke spannend zusammen gefasst, dass ich spontan beschlossen habe, in diesem Jahr eine Fortsetzungsgeschichte zu schreiben. Nun sind wir extrem neugierig, wie sich Nyksund in dieser Zeit entwickelt hat. 

Annäherung an Nyksund auf Vesteralen

Nyksund-Versterålen, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. Kodak Ektar | © mare.photo

Nyksund-Versterålen, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. Kodak Ektar | © mare.photo

Vesteralen steht bei uns von Anfang an auf der Tourenplanung, aber die Überlegung, welche Orte wir besuchen, hat es in sich. Auch bei einer dreimonatigen Tour gibt es einen gefüllten Zeitplan. Beim Blick auf die Karte verstehe ich schnell, warum Nyksund nicht die Nummer eins in den Reiseführern ist, zu abgelegen liegt Nyksund von der eigentlichen Hauptstraße nach Andenes.

Etwa 60 Kilometer geht es über eine schmale und mittlerweile asphaltierte Straße nach Nyksund, die gleiche Strecke wieder zurück. Nur die letzten 10 Kilometer  nach Nyksund sind nicht befestigt, zudem sehr eng und nichts für Gespanne. Ebenso nichts also für einen spontanen und eiligen Fotohalt. Zudem gibt es ja ähnliche Fotomotive zur Genüge an anderen Orten der Umgebung und Nyksund ist nicht unbedingt mit spannenden Superlativen belegt.

Aber wir sind klassische Bullifahrer, kommen ohne Bespassung aus und lieben es, abseitige Wege zu entdecken und vor allem: neue Menschen kennen zu lernen. Also schenken wir uns zwei Tage Zeit, dieses kleine Fischerdorf  Nyksund auf Vesteralen ein wenig kennen zu lernen.

Vesterålen, Nyksund, Kodak Ektar, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. | © mare.photo

Vesterålen, Kodak Ektar, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. | © mare.photo

Allein schon der Weg ist das Ziel. Der schmale und provisorisch instant gehaltene Weg entlang der teils schroffen Küste und den zahllosen Schären ist nichts für ängstliche Autofahrer. Es geht nach Nyksund oft neben dem schmalen Weg krass abwärts und man betet für ausbleibenden Gegenverkehr. Immer wieder zeigen sich mit Schnee bedeckte Berge. Nach der letzten Kurve immer nah am Abgrund entlang öffnet sich der Blick auf Nyksund, diesem magischen Ort. Arktische Klänge, wie man sie aus polar thematisierten Entspannungs-CD kennt, klingen in unseren Ohren. Der Gesang der Vögel, allen voran der Möwen hört sich so ganz anders an als wir es von zuhause kennen.

Frisch ist es hier im Juni und wir gehen davon aus, dass hier das Thermometer selten über zehn Grad steigen wird. Einen halben Kilometer vor Nyksund ist Schluss, ein Verbotsschild verhindert das Durchfahren über den schmalen Damm, genau aus diesem Grund wird kurz darauf ein Wohnmobil wieder umdrehen, denn der halbe Kilometer zu Fuß in den Ort scheint dann doch einige zu überfordern.

Es wird gebaut und gehämmert, selbst im verwahrlosesten Gebäude steckt Leben. Die ein oder andere Galerie hat aufgemacht, ebenso ein kleiner Trödelladen oder auch ein nettes Restaurant. Übernachtet wird im Bed and Breakfast oder gleich in einer der neu eingerichteten Ferienwohnungen mit Balkon zur verlassenen Hafenseite. An zahlreichen Gebäuden wird auf Tafeln mit Schildern die Geschichte der einstigen Bewohner erzählt. 

Der Wind pfeift zwischen den Gebäuden kalt um die Ohren, bis gestern war es hier eine Windstärke von 10. Unvergleichlich mit dem, was die Menschen hier im Winter erwartet. Massive Natursteine schützen den schmalen Damm als einzige Zufahrtmöglichkeit, man sieht dem Beton die hohe Beanspruchung an. Wer weiß, vielleicht kommen wir wieder hier her, wenn es eigentlich heißt, zu Hause zu bleiben und den Ofen anmachen. Und dann lassen wir uns einfangen von der warmen Herzlichkeit hier in Nyksund, mitten im rauen Klima.

Jeder Artikel wird weiter entwickelt, angepasst, ergänzt. Wenn Sie Anregungen oder Erlebnisse, historische und aktuelle Bilder haben, gerne mit uns zusammenarbeiten oder sich an dieser Stelle präsentieren möchten, dann schreiben Sie an redaktion@weites.land.

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