Blende 8 – die Sonne lacht | Analog fotografieren ohne Belichtungsmesser

Was passiert, wenn man plötzlich ohne Belichtungsmesser da steht und auf das Fotografieren mit einer analogen Kamera nicht verzichten kann oder will?  Da schießt einem sofort die Regel „Blende acht – Sonne lacht“ ins Gedächtnis und man grübelt, wie diese Regel denn überhaupt anzuwenden ist.

Als Leica vor wenigen Jahren die Leica M-A vorstellte, haben die meisten Menschen wohl mit dem Kopf geschüttelt. Zeit und Blende lassen sich mechanisch einstellen, doch ein Belichtungsmesser hat sie nicht. Schnell meinten die Lästerer, dass Leicas nur für Vitrinen produziert würden. Dabei zeigen Menschen, die mit einer solchen Kamera arbeiten, wie nah sie an der echten Fotografie dran sind. Denn ein gutes Foto entsteht nicht durch die perfekte Automatik, sondern nach wie vor durch das Beobachten der Umgebung und dem richtigen Gefühl für die Kombination von Zeit und Blende.

Wie gut es ist, um diese Dinge zu wissen, merkte ich auf Gotland, als die Batterien in meiner Kamera schlapp machten und ich zum Glück zwei Belichtungszeiten hatte, die rein mechanisch funktionierten. Auf einmal beobachtete ich viel aufmerksamer Tageszeit, Sonnenstand, den Himmel, die Schatten und rechnete dann die mir bekannte Belichtungszeit auf die Empfindlichkeit des eingelegten Filmes um. Das Titelbild entstand so mit einer geschätzten Belichtungszeit. Dabei half mir der alte Spruch „Sonne lacht, nimm Blende acht.“

Wer nun meint, dass sei ein viel zu kompliziertes Hexenwerk, erinnert sich vielleicht noch schwach an die einfachen Kompaktkameras, bei denen man lediglich über einen Schieberegler zwischen Sonne, Wolken und Dunkelheit unterscheiden konnte.  Dennoch möchten wir eine Übersicht geben, in welchen Abhängigkeiten welche Zeit und Blende zu guten Ergebnissen führt. Solche Werte sind in der heutigen Zeit vor allem dann hilfreich, wenn in bestimmten Situationen der Belichtungsmesser keine richtigen Werte ermitteln kann und so zu enttäuschenden Ergebnissen führen würde- sei dies digital oder analog.

Die Blendenreihe 

Die Blendenreihe ist wichtig zu verstehen, will man die empfohlenen Werte auf eine andere Blende umrechnen. Denn mit jedem Blendenwert verdoppelt oder halbiert sich die Belichtung.

1.4 – 2 – 2.8 – 4 – 5.6 – 8 – 11 – 16 – 22 – 32

Möchte ich also beispielsweise bei Blende 8 die Belichtunsgzeit halbieren, wähle ich Blende 5.6. Will ich bei Blende 8 die Belichtungszeit verdoppeln, wähle ich Blende 11.

Empfohlene Belichtungszeiten ohne Belichtungsmesser bei ISO 100

Je nach Situation sollte man einen höher empfindlichen Film wählen. In der Berechnung kann man aber von den Werten von ISO 100 ausgehen. Deswegen sind hier auch Situationen aufgeführt, für die wir höher empfindliche Filme empfehlen würden.
 
  • Landschaft im Vollmondlicht: 120 Sekunden bei Blende 4
  • Vollmondaufnahme: 1/125 Sekunde bei Blende 11 (looney 11 Regel)
  • Halbmondaufnahme: 1/125 Sekunde bei Blende 8
  • Sternenhimmel, bei dem die Sterne als gebogene Streifen wider gegeben werden: 300 Sekunden bei Blende 4 (Verlängerungsfaktoren des Filmes beachten)
  • Gut ausgeleuchtete Straße bei Nacht: 1/30 Sekunde bei Blende 2.8
  • Sonnenuntergang ohne Wolken: 1/125 Sekunde bei Blende 4
  • Sonne frontal hinter den Wolken : 1/250 Sekunde bei Blende 11
  • Sonne vorne: 1/125 Sekunde bei Blende 16 (sunny sixteen Regel)
  • helle Sonne am Strand oder in Schneelandschaft: 1/1000 Sekunde bei Blende 11
  • Spiegelnde Sonne auf dem Wasser (Mondscheineffekt) 1/500 Sekunde bei Blende 11
  • Morgendlicher Nebel und leichter Nieselregen: 1/125 Sekunde bei Blende 4
  • Morgendliche Sonne und grüne Landschaft als Ausschnitt ohne Himmel: Blende 5.6 bei 1/125 Sekunde
  • Sonniger Mittag, grünes Gras als Ausschnitt ohne Himmel: Blende 8 bei 1/360 Sekunde
  • diffuses helles Licht: 1/125 Sekunde bei Blende 11
  • heiter bis wolkig ohne direkte Sonneneinstrahlung: 1/125 Sekunde bei Blende 11
  • tagsüber durchgehend hell bewölkt fast ohne Schatten: 1/125 Sekunde bei Blende 8
  • tagsüber mit dunklen Wolken ohne Schatten: 1/125 Sekunde bei Blende 5.6
  • tagsüber dunkle Wolken und Regen: 1/125 Sekunde bei Blende 5.6
  • Schatten unter Bäumen: 1/250 Sekunde bei Blende 2.8
  • heller Innenraum: 1/125 Sekunde bei Blende 2.8
  • künstlich durchschnittlich ausgeleuchteter Innenraum: 1/60 Sekunde bei Blende 2.8
  • diffus bis schummrig ausgeleuchteter Innenraum: 1/30 Sekunde bei Blende 2
  • gut ausgeleuchtete Bühne: 1/250 Sekunde bei Blende 2.8
  • Blaue Stunde: 1/60 Sekunde bei Blende 2.8
  • Lagerfeuer nach Sonnenuntergang 1/60 Sekunde bei Blende 2.8
  • Wunderkerzen in Dämmerung und Dunkelheit: 1/60 Sekunde bei Blende 2.8
  • Kaminfeuer: 1/250 Sekunde bei Blende 1.4
  • Kirmes: 1/15 Sekunde bei Blende 1.4

Bei verhältnismäßig langen Belichtungen muss der Verlängerungsfaktor des jeweiligen Filmes berücksichtigt werden, unabhängig von der Art der Belichtungsmessung.

Belichtungszeiten

Folgende Belichtungszeiten können in der Regel bei analogen Kameras eingestellt werden. Oftmals gibt es auch Zwischenzeiten, doch haben wir hier immer die Verdoppelung bzw. die Halbierung der Belichtungszeit aufgezeigt.

32s – 16s – 8s – 4s – 2s – 1s – 1/2s – 1/4s – 1/8s – 1/15s  1/30s –  1/60s – 1/125s – 1/250s – 1/500s – 1-1000s

Bei längeren Belichtungszeiten länger als eine Sekunde sollte man prüfen, inwieweit der eingelegte Film eine zusätzliche Belichtungszeit benötigt. Dies variiert je nach Hersteller und Film. Beim Kodak Portra 160 gab es allerdings bis 32 Sekunden keine Probleme bei normaler Belichtungszeit.

Gängig sind allerdings Belichtungszeiten zwischen 1/60 Sekunde und 1/1000 Sekunde.

Beispiel zum Titelbild

Es ist ein heller, sonniger Tag. Keine Wolken am Himmel. Die ideale Abbildungs-Qualität eines Objektives liegt etwa bei Blendenöffnungen zwischen 5.6 und 8. Eingelegter Film hat ISO 100. Die sunny-sixteen-Regel beruht auf dem Vorschlag, den ISO-Wert des Filmes bei Blende 16 als Belichtungszeit zu wählen. Nun gibt es keine Belichtungszeit von 1/100 Sekunde, so wähle ich 1/125 Sekunde.

Aber ich möchte am liebsten mit der Blende 8 fotografieren. Also kommt durch die größere Öffnung der Blendenreihe nach dreimal mehr Licht auf den Film. So wäre ich bei Blende 11 bei einer Zeit von 1/250 Sekunde und bei Blende 8 bei einer Zeit von 1/500 Sekunde.

Blende acht – die Sonne lacht

Aber was ist nun dran an diesem wohl vielen bekannten Spruch? Ist er überhaupt gültig und widerspricht er sich nicht mit der sunny-sixteen-Regel?

Nein, denn diese Regel stammt aus einer Zeit, in der man mit Rollfilm und Kameras ohne Belichtungsmesser fotografierte. An empfindlichen Filmen wie heute war gar nicht zu denken, die ISO-Bezeichnung gab es schon gar nicht. Benutzt man Blende acht bei einem Film mit einer Empfindlichkeit von ISO 100, wird eine Belichtungszeit von 1/500 empfohlen. In der Tat bezieht sich diese Regel auf eine viel geringere Lichtempfindlichkeit von Filmen, wie es sie heute nur als Nischenprodukt gibt. Nämlich ISO 25. Für diesem Empfindlichkeitsbereich brauche ich also viermal mehr Licht als für einen Film mit ISO 100.

Belichtungs-Toleranz

Vor allem Schwarz-Weiß-Filme wie beispielsweise der Kodak Tri X verzeihen Belichtungsfehler. Das Gleiche gilt auch für Farbnegativfilme, wenn auch nicht in solch großem Umfang. Bei einer Blende zu viel oder zu wenig sind noch alle Bildinformationen auf dem Negativ enthalten. Farbnegativfilme sollte man aber eher etwas über- statt unterbelichten. 

Generell sollte man in der analogen Fotografie auf die Schatten belichten, möchte man Zeichnung in diesen erreichen. Details der Lichter bleiben bei Überbelichtung in hohem Maße erhalten. In der der Digitalfotografie ist dies genau anders herum.

Kritischer wird es bei Diafilmen, denn sie müssen absolut korrekt belichtet werden. Hier sollte man eine Belichtungsreihe mit dem empfohlenen Wert und je einer Blende Unter- und Überbelichtung arbeiten.

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