valbard / Spitzbergen | © Rune Dahl, nordnorge.com

Spitzbergen mit dem Expeditionsschiff – Die neuen Regeln

Longyearbyen liegt auf 78 Grad Nord, hat rund 2.500 Einwohner (Stand: 1. Januar 2026) und ein Straßennetz, das nach wenigen Kilometern endet. Wer weiter will – zu den Gletscherfronten des Isfjords, zu den Vogelfelsen im Nordwesten, zur Eiskante nördlich des Archipels –, verlässt die Straße und nimmt das Meer. Auf Spitzbergen ist das keine Frage des Komforts, sondern der Geografie: Es gibt keine Landverbindung zwischen den Siedlungen, und der größte Teil der Inselgruppe steht unter Naturschutz.

Spitzbergen mit dem Expeditionsschiff: Was eine Arktis-Kreuzfahrt seit den neuen Svalbard-Regeln bedeutet

Seit dem 1. Januar 2025 ist auch geregelt, wie viele Menschen dort an Land gehen dürfen. In den Schutzgebieten sind nur noch 43 ausgewiesene Landestellen erlaubt, und Schiffe dürfen dort maximal 200 Passagiere an Bord haben (Sysselmesteren, Gouverneur von Svalbard). Wer Spitzbergen jenseits von Longyearbyen sehen will, hat damit praktisch nur eine Option: eine Arktis-Kreuzfahrt mit dem Expeditionsschiff, das klein genug ist, um in den Schutzgebieten überhaupt noch anlanden zu dürfen. Große Kreuzfahrtschiffe fahren seitdem an der Küste vorbei – im Wortsinn.

Die neuen Svalbard-Regeln im Überblick

Die Novelle der norwegischen Umweltvorschriften für Svalbard ist die einschneidendste Änderung im arktischen Tourismus seit Jahren. Sie ersetzt Empfehlungen durch Grenzwerte – und diese Grenzwerte sind konkret:

Regel

Wert

Zeitraum

Mindestabstand zu Eisbären

300 Meter

1. Juli – 28. Februar

Mindestabstand zu Eisbären

500 Meter

1. März – 30. Juni

Zugelassene Landestellen in Schutzgebieten

43

ganzjährig

Maximale Passagierzahl an Bord in Schutzgebieten

200

ganzjährig

Mindestabstand zu Walross-Liegeplätzen

150 Meter

ganzjährig

Höchstgeschwindigkeit näher als 300 m an Walrossen

5 Knoten

ganzjährig

Höchstgeschwindigkeit näher als 500 m an der Küste

5 Knoten

1. April – 31. August

Drohnenflug näher als 500 m an Vogelfelsen

verboten

1. April – 31. August

Drohnenflug in Schutzgebieten

generell verboten

ganzjährig

Aufbrechen von Festeis (Fast Ice)

generell verboten

ganzjährig

Für Reisende bedeutet das vor allem eines: Das Programm wird nicht mehr vom Wunschzettel bestimmt, sondern vom Regelwerk und vom Eis. Ein seriöser Veranstalter formuliert Routen deshalb als Absicht, nicht als Versprechen.

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Warum die Schiffsgröße zur wichtigsten Buchungsfrage geworden ist

Vor 2025 war die Passagierzahl eine Frage von Atmosphäre und Anlandelogistik. Heute entscheidet sie darüber, ob eine Route überhaupt stattfinden kann. Ein Schiff mit 500 Gästen darf in den Schutzgebieten – also im weitaus größten Teil Svalbards außerhalb der Siedlungen – nicht mehr anlanden. Schiffe unterhalb der 200-Personen-Grenze dürfen es, sofern sie eine der 43 zugelassenen Stellen ansteuern.

In der Praxis operieren die Anbieter, die Spitzbergen inklusive Anlandungen anfahren, deshalb mit 100 bis 200 Gästen. Poseidon Expeditions etwa setzt in der Arktis die MS Sea Spirit mit 114 Gästen ein und wirbt mit einer Open-Bridge-Policy sowie deutschsprachigen Lektoren an Bord; das Unternehmen unterhält ein Büro in Hamburg. Andere Veranstalter liegen in ähnlichen Größenordnungen. Wichtig für die Auswahl ist weniger die Marke als die Kombination aus drei Angaben: Passagierzahl, Zahl der Zodiacs und Verhältnis von Guides zu Gästen. Wer diese Zahlen nicht nennt, verkauft eher eine Kreuzfahrt als eine Expedition.

Ebenfalls prüfen: Ist der Veranstalter Mitglied bei AECO (Association of Arctic Expedition Cruise Operators)? Deren Richtlinien greifen dort, wo die staatliche Regulierung endet – etwa bei Verhaltensregeln an Vogelfelsen oder beim Umgang mit Kulturdenkmälern aus der Walfangzeit.

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Beste Reisezeit: drei Arktis-Sommer in einem

Spitzbergen hat keine Saison, es hat Zustände. Und die unterscheiden sich stärker, als drei Sommermonate vermuten lassen.

Mitternachtssonne. In Longyearbyen geht die Sonne vom 19. April bis 23. August nicht unter (Visit Svalbard). Für Fotografinnen und Fotografen bedeutet das: kein Zeitdruck, dafür ein Licht, das über Stunden im flachen Winkel bleibt – und um zwei Uhr nachts auf Gletschereis oft besser ist als um zwölf Uhr mittags.

Juni: Eis und Schnee. Im Frühsommer liegt noch Schnee auf den Hängen, die Fjorde im Norden sind teils vereist, die Eiskante liegt weit im Süden. Beste Chancen auf Eisbären auf Meereis – aber viele Landestellen sind unerreichbar. In dieser Phase gilt zudem der größere Mindestabstand von 500 Metern.

Juli/August: Zugang. Das Eis zieht sich zurück, Umrundungen des Archipels werden wahrscheinlicher, Tundra und Vogelfelsen sind auf dem Höhepunkt. Dafür ist das Eis als Kulisse seltener.

September/Oktober: Dunkelheit kehrt zurück. Erste Nordlichter, dramatischeres Wetter. Für Polarlichter sind Reisen an der Ostküste Grönlands im Herbst allerdings die verlässlichere Wahl – dort ist die Nacht früher dunkel als auf 78 Grad Nord.

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Eisbären: Zahlen statt Erwartungen

Kaum ein Motiv wird stärker beworben und schlechter erklärt. Die belastbarste Erhebung stammt aus dem August 2015: Norwegische Forschende zählten aus der Luft 264 Eisbären im Bereich des Svalbard-Archipels (95 % Konfidenzintervall 199–363) und weitere 709 Tiere im Packeis nördlich davon – zusammen rund 973 Bären in der westlichen Barentssee (Aars et al., Polar Research). Gegenüber 2004 war das ein Anstieg, statistisch aber nicht signifikant.

Rechnerisch heißt das: ein paar hundert Tiere auf einer Fläche größer als die Schweiz. Eine Eisbärensichtung auf einer zehntägigen Reise ist wahrscheinlich, aber nicht garantiert – und sie findet nach den neuen Regeln aus mindestens 300, im Frühjahr 500 Metern statt. Wer Nahaufnahmen möchte, braucht ein Teleobjektiv ab 400 Millimetern, keinen näheren Anlauf.

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Das Eis, das die Route bestimmt

Warum Routen zunehmend flexibel geplant werden, zeigt ein Blick auf die Meereisdaten. Das arktische Meereis erreichte sein Wintermaximum 2026 am 15. März mit 14,29 Millionen Quadratkilometern – gleichauf mit dem Rekordtief von 2025 (14,31 Mio. km²) und 1,36 Millionen Quadratkilometer unter dem Mittel von 1981–2010 (NSIDC). Das ist eine fehlende Fläche etwa doppelt so groß wie Texas.

Svalbard selbst hat sich in den letzten 50 Jahren um rund 4 °C erwärmt – deutlich schneller als der globale Durchschnitt (Bjerknes Centre for Climate Research / Universität Bergen). Für Reisende hat das zwei gegenläufige Folgen: Der Zugang zu nördlichen Fjorden ist im Sommer häufiger möglich, verlässliches Meereis dagegen seltener. Eine Umrundung, die 2015 als sportlich galt, ist heute oft Standard – und die Eiskante liegt jedes Jahr an einer anderen Stelle.

Was eine Arktis-Kreuzfahrt kostet

Expeditionsreisen in die Arktis liegen preislich zwischen Fernreise und Kleinwagen. Die aktuellen Ab-Preise deutscher Anbieter beginnen bei rund 6.000 Euro pro Person für elftägige Reisen an die Ostküste Grönlands und reichen bis über 12.000 Euro für Spitzbergen-Umrundungen inklusive Kvitøya (Stand: August 2026). Island-Umrundungen liegen dazwischen, meist im Bereich von 8.000 bis 9.000 Euro.

Was üblicherweise enthalten ist: Vollpension, alle Zodiac-Ausfahrten und Anlandungen, Expeditionsteam, häufig eine Parka-Leihe oder -Schenkung. Was nicht enthalten ist: Flüge nach Longyearbyen oder Reykjavík, Kajak- und Tauchoptionen, Trinkgelder – und die bei vielen Veranstaltern verpflichtende Reisekrankenversicherung mit medizinischem Rücktransport. Letztere ist kein Kleingedrucktes: Das nächste Krankenhaus mit vollem Leistungsumfang liegt auf dem norwegischen Festland.

Praktisch: Was auf 78 Grad Nord wirklich zählt

  • Kleidung im Zwiebelprinzip. Nicht die Kälte ist das Problem – die Sommertemperaturen liegen meist zwischen 0 und 7 °C –, sondern Wind und Nässe bei Zodiac-Fahrten. Wasserdichte Hose und Gummistiefel sind Pflicht, nicht Empfehlung.
  • Optik. Ein Telezoom bis 400 mm plus ein Weitwinkel deckt fast alles ab. Wichtiger als Brennweite: Ersatzakkus, die in der Innentasche warm bleiben.
  • Drohnen bleiben zu Hause. In den Schutzgebieten Svalbards sind sie generell verboten.
  • Seetauglichkeit. Die Barentssee und die Grönlandsee können ruppig sein; Schiffe mit Stabilisatoren mildern das, heben es nicht auf.
  • Erwartungsmanagement. Kein Programm auf Spitzbergen ist verbindlich. Wetter, Eis und Wildtiere entscheiden – und seit 2025 auch die Frage, welche der 43 Landestellen frei ist.
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Häufige Fragen

Braucht man für Spitzbergen ein Visum? Nein. Svalbard ist norwegisches Hoheitsgebiet, gehört aber nicht zum Schengen-Raum. Für die Anreise über das norwegische Festland gelten die üblichen Einreisebestimmungen für Norwegen; ein gültiger Reisepass wird empfohlen.

Wie viele Passagiere darf ein Schiff auf Spitzbergen haben? In den Schutzgebieten Svalbards dürfen sich seit dem 1. Januar 2025 maximal 200 Passagiere an Bord befinden. Anlandungen sind dort nur an 43 ausgewiesenen Stellen erlaubt.

Wie nah darf man einem Eisbären kommen? Mindestens 300 Meter Abstand, vom 1. März bis 30. Juni mindestens 500 Meter. Annäherung, Verfolgung und Störung sind verboten.

Wann ist die beste Reisezeit für eine Spitzbergen-Kreuzfahrt? Juni für Meereis und Eisbären auf dem Eis, Juli und August für Anlandungen, Umrundungen und Vogelfelsen. Die Mitternachtssonne scheint in Longyearbyen vom 19. April bis 23. August.

Was kostet eine Arktis-Kreuzfahrt? Aktuelle Ab-Preise beginnen bei etwa 6.000 Euro pro Person für rund elf Tage und reichen bei Spitzbergen-Umrundungen über 12.000 Euro (Stand: August 2026). Flüge und Versicherung kommen hinzu.

Sieht man garantiert Eisbären? Nein. In der westlichen Barentssee leben nach der Zählung von 2015 rund 973 Tiere, davon etwa 264 im Archipel selbst. Sichtungen sind auf längeren Reisen wahrscheinlich, aber niemals zugesichert.

Welche Alternativen gibt es zu Spitzbergen? Ostgrönland (Nordlichter im Herbst, tiefe Fjordsysteme), Island (Umrundungen, Vulkanlandschaften) und Jan Mayen als Zwischenstation auf Kombinationsrouten.