Nordland

Die sieben Schwestern | Von versteinerten Trollen im Helgeland

Helgeland, sieben Schwestern, Kystriksvejen, Kodak Ektar, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. | © mare.photo
Helgeland, sieben Schwestern, Kystriksvejen, Kodak Ektar, Leica Elmarit M 2.8 28 asph. | © mare.photo

Wer ins norgwegische Helgeland reist, kommt den Trollen so nah wie vielleicht nirgend anders in Skandinavien. In mächtiger Größe sind die Riesen und Trolle überall zu sehen, und jeder hat seinen Namen. Versteinert ragen sie oder ihre Gegenstände aus dem Meer oder an der Küste zum Himmel empor und geben der Landschaft ihre Einzigartigkeit. Wir sind den Trollen und ihrer Geschichte auf der Spur und wissen nun davon zu berichten.

Die sieben Schwestern – eine echte Familiensaga aus dem reich der Trolle im Helgeland

Sind sie nicht schön anzusehen, die sieben Schwestern hier im Helgeland auf der Insel Landego? Wie wunderbar sie die Landschaft hier prägen, diese sieben Gipfel dieser grandiosen Bergkette.
Wie hübsch waren sie erst, als sie noch lebten? Aber von Anfang an:

Am Vestfjord

Hoch im Norden, hier im Helgeland, einst Hålogaland genannt, saßen zwei riesige Trolle an den jeweils gegenüberliegenden Seiten des Vestfjord. Die beiden Riesen mochten sich so gar nicht und so blickten sie sich immerzu mies gelaunt an. Jeder von ihnen wollte der Größte sein, der eine als Seemann, der andere als Bergbewohner im Fjell.

Der eine, Vågakallen, saß in eintausend Meter Höhe nahe Henningsvær auf einem Stuhl. Zu seinem Reich gehörten die Lofoten, der Vestfjord und vor allem der reiche Bestand an Dorschen, aus denen der berühmte Stockfisch gemacht wird. wie oft trotzte er den ständigen Gefahren von Sturm und Wellen. Und selbst der übermächtige Donnergott Thor konnte ihm mit seinem mächtigen Hammer nichts anhaben.

Verbotene Liebe

Gar nicht weit entfernt schaute Landegomøya. Wie sehr sie doch Vågakallen liebte und ihr gemeinsames Glück doch nicht sein durfte. Aber die Winternächte sind lang und dunkel und so bekam sie unbemerkt von ihm ein Kind. Eigentlich war sie ja dem Blåmannen versproche, der lebte nördlich von Sulitjelma. Aber Vågakallen war unbeschreiblich attraktiv und selbst die Sonne belohnte ihn am Abend in den Sommermonaten mit einer Goldkrone, während sie ihm nachts sogar ein purpurnes Kleid schenkte.

Der heißblütige Sohn

Vågakallen war ja bereits schon einmal Vater. Und sein Sohn hatte ziemlich Temperament. Er machte, was er wollte und ging seine eigenen Wege. Seine besondere Liebe galt den Pferden. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war nach einem heftigen Streit tief zerrüttet. Der aufbrausende Hestmann, mittlerweile halbstark und seinem Vater körperlich überlegen, verließ darauf seinen Vater und ließ sich zusammen mit Svolværgeita im Svolværfjell nieder.

Das Reich des Suliskongen

Der König von Sulis (Suliskongen) hat sein Reich im Osten bis hin zur schwedischen Grenze. Dazu gehört beispielsweise das heutige Sulitjelma. Gewaltige Berge, Urwälder und Seen prägen sein Land. Niemand wusste von seinem Reichtum an Kupfererz und anderen Schätzen, die unter seiner Landschaft lagerte. Argwöhnisch und grimmig beobachtete er sehr genau sein Gegenüber, den Vågakallen.

Doch die beiden Riesen, so sehr sie sich auch gegenseitig ihre Abneigung zeigten, waren sich einig darüber, dass sich ihre folgende Generation nichts von ihnen sagen ließ. Weder der Sohn des Vågakallen, Hestmann, noch die sieben wunderschönen Töchter des Suliskongen.

Die schönen Töchter des Suliskongen

Der Suliskongen war ziemlich genervt von seinen sieben Töchtern. Sie machten ihm das Leben nicht gerade leicht. Er war mit ihrem Verhalten derart überfordert, dass er sie auf die Insel Landego brachte und ihnen die Hauslehrerin Landegomøya und die Kinderfrau Lekamøya zur Seite stellte. Damit endete das ausschweifende und wilde Leben der sieben Töchter, es wurde ruhig um sie. Im Sommer genossen sie den endlosen Sonnenschein und im Winter das faszinierende und mystische Nordlicht.

Der heißblütige Hestmann

Der aufbrausende und heißblütige Hestmann hatte nicht nur Augen für seine Pferde. Übrigens heisst Hestmann übersetzt „Pferdemann“. Jedenfalls dieser Hestmann saß in einer lauen Sommernacht im Mai, als die Sonne schon fast nicht mehr unterging, auf einer Anhöhe nahe Svolvær. Sein Blick schweifte hinüber über den Vestfjord nach Landego.

Da sah er das Kindermädchen Lekamøya mit den sieben Schwestern, wie sie in der hellen Abendsonne im Meer badeten. Das verwirrte seine Sinne und seine Pferde gingen sozusagen mit ihm durch. Er nahm sich das nächste Pferd, zog sich hastig im Reiten seinen Mantel über und hetzte mit allem, was sein Pferd geben konnte, die 150 Kilometer über den Vestfjord in den Süden. Das Meer leuchtete durch die Funken der Eisenhufe des Pferdes, so schnell war es unterwegs.

Das blieb dem wachsamen Kindermädchen Lekamøya nicht unentdeckt. Sie wusste, dass sich dem Hestmann niemand entgegen stellen könnte und er sich nahm, was er wollte. Und sie war sich der Gefahr der sieben Schwestern sehr bewusst. Hektisch floh sie mit ihnen weiter in den Süden.

Der rote Löwe, Rødøløva, war an diesem Abend für die Wache eingeteilt, ihm fiel natürlich schnell auf, dass in nördlicher Richtung irgendwas seltsames vor sich ging.

Die heißen sieben Schwestern

Die sieben Schwestern sahen aber sehr schnell ihre Chance, diesen heißblütigen und temperamentvollen Hestmann verführen zu können, was also sollten sie weiter fliehen. Für die Flucht hatten sie sich hektisch ihre Mäntel übergeworfen, doch diese warfen sie nun freudig erregt ab. So schufen sie die Insel Dønna. Dann blieben sie stehen und lockten Hestmann mit ihren Reizen.  Da standen sie nebeneinander, von Nord nach Süd, nach Alter geordnet, die sieben Schwestern Botnkrona, Grytfoten, Skjeringen, Tvillingene, Kvasstinden und Breitinden im Süden. Sie war die Älteste und trug ihr uneheliches Kind auf dem Rücken.

Unerwiderte Begierde

Doch Hestmann wollte nur eine, das Kindermädchen Lekamøya. Doch die wollte ihn nicht und schmiss im Süden Nudelholz und Backbrett von sich, eh sie in ihren Siebenmeilenstiefeln alles gab, was sie konnte. Schnell war Lekamøya, sehr schnell. Selbst Hestmann kam nicht hinterher. Aber was er nicht besitzen dürfte, sollte auch kein anderer bekommen. So nahm er seinen Bogen und schoss einen Pfeil auf die fliehende Lekamøya.

Der Troll von Bronnøy

In bester Lage weilte in den Bergen an diesem hellen Abend ein Troll in den Bergen von Brønnøy. In der frühlingshaften Ruhe sah er die wilde Verfolgungsjagd und hatte mächtig Spaß daran. Und, er wollte ein wenig mitmischen. Er sah den abgeschossenen Pfeil, nahm seinen Hut und warf ihn dem Pfeil entgegen. Der Pfeil durchbohrte seinen Hut, der Hut versank im Meer, allerdings schaut auch noch heute ein großer Teil aus dem Wasser heraus. Der als Berg Torghatten bezeichnete Hut zeigt sogar das Loch des Pfeiles.

Lekamøya gelang die Flucht nach Trøndelag und blieb vor dem Hestmann sicher.

Zu Steinen erstarrt

Im Nordland gibt es nur kurze Frühlingsnächte. Sobald die Sonne aufging, erstarrten alle Trolle und Riesen an dem Ort zu Stein, an dem sie sich gerade befanden. Die sieben Schwestern blieben nebeneinander aufgereiht auf der Insel Alsten bei Sandnessjøen, der Hestmann steht in Lurøy am Polarkreis, das Kindermädchen Lekamøya auf Leka und Rødøløva auf Rødøya.  Die beiden alten Riesen sind geblieben, wo sie schon immer saßen; am Vetsfjord und an der schwedischen Landesgrenze bei Sulitjelma. Von ihren steinernen Plätzen bekommt sie auch niemand mehr weg. Da müsste schon die Welt untergehen. Aber, wer will das schon.

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