Großes Misstrauen der Gefangenen
So recht wollte sich in den Lagern niemand über die weißen Busse freuen, denn die Menschen hatten so viel schreckliches durchgemacht, dass sie an ein verlogenes Spiel der Deutschen glaubten. Im KZ Dachau standen die Gefangenen bereits mehrere Stunden, als die Helfe ankamen, glaubten sie ihnen nicht.
Im KZ Theresienstadt weigerten sich die 423 dänischen Juden, in die Fahrzeuge einzusteigen. Denn sie glaubten an die Fahrt in den sicheren Tod- in die Vernichtungslager.
Endlich bekamen die Geretteten und völlig abgemagerten Menschen wieder etwas zu esssen, was natürlich sehr riskant ist. Denn die Körper reagieren dann schnell mit Durchfall. Das verzögerte die Fahrt insgesamt. Aber wem kann man es verdenken. Den Bewachern, die diese Fahrten begleiteten und sich selbstgefällig ebenso an diesem Speisen bedienten, versetzte man ihr Essen mit Abführmittel.
Chaos und bittere Folgen für andere Gefangene
Bis Ende März 1945 war etwa jeder zweite inhaftierte Skandinavier in Neuengamm angekommen. Das Lager platzte aus allen Nähten. Platz für noch einmal so viele Menschen musste geschaffen werden, egal wie. und für das, was jetzt passierte, sollte man nicht das schwedische Rote Kreuz verantwortlich machen sondern einzig die Verursacher, die menschenverachtenden Nazis.
Denn mit den weißen Bussen wurden nun Menschen aus Russland, Polen und Frankreich transportiert: vom KZ Neuengamme in dessen Außenlager Hannover und Salzgitter. Sie waren in erbärmlichem Zustand, abgemagert bis auf die Knochen und in der letzten Phase vor dem sicheren Hungertod. Aufgrund ihres Aussehens wurden sie innerhalb der Konzentrationslager von den Nazis verächtlich „Muselmänner“ genannt.
Den Skandinaviern ging es vergleichweise gut, sofern man das Wort „gut“ an dieser Stelle überhaupt verwenden darf. Sie wurden nicht ganz so schlecht versorgt, entsprachen sie doch dem Vorbild einer germanischen Rasse.
Diese Muselmänner, fast unfähig, überhaupt noch zu leben, waren der brutalen Willkür der Wärter ausgesetzt. Noch im Beisein der schwedischen Helfer wurden sie geschlagen. Die Fahrt in die Außenlager überlebten alleine sieben dieser Menschen nicht.
In der Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte entbrannten in Schweden 60 Jahre nach der Rettungsaktion emotionale Debatten. Denn das Rote Kreuz ist zu absoluter Neutralität verpflichtet, in diesem Fall hat es Partei für einen Teil der Gesellschaft, nämlich ausschließlich der skandinavischen Gefangenen, genommen und diese bevorzugt. Dabei hätten laut den Genfer Konventionen die in schlimmeren Zustand befindliche Gefangenen unabhängig ihrer Herkunft vom Roten Kreuz versorgt werden müssen.
Dabei kann man sich aus dem Abstand nur schwer in die Rolle der Helfer hinein versetzen, die freiwillig in ein gefährliches Kriegsgebiet fuhren und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen. Zumal in den letzten Kriegswochen das totale Chaos herrschte.
Von den in die Außenlager verbrachten 2000 Menschen werden nur wenige das Kriegsende erlebt haben.