WEITES.LAND

WEITES.LAND Interview – Wir treffen die Reisebuchautorin Constanze John

© 2018 Constanze John
© 2018 Constanze John

Soeben ist Ihr neues Buch unter dem Titel 40 TAGE GEORGIEN erschienen. Was bewegt einen Menschen, nach Georgien zu reisen?

Sicher kann es da verschiedene Gründe geben: Wer die Berge liebt, wird sich in die Berglandschaft des Großen Kaukasus begeben, wer das Meer liebt, vielleicht ans Schwarze Meer fahren. Auf den Spuren des Christentums darf weder Dschwari noch Mzcheta fehlen.

Den Liebhaber der griechischen Sagenwelt zieht es vielleicht ins alte Kolchis, nach Westgeorgien, auf der Suche nach dem Goldenen Vlies; und den Weinliebhaber wahrscheinlich eher nach Kachetien, nach Ostgeorgien. Die Haupstadt Tbilissi ist bereits eine eigene Reise wert. Oder man besucht einen der elf Naturparks, zum Beispiel Bordschjomi-Charagauli… Georgien ist etwa so groß wie das Bundesland Bayern und kann eine erstaunliche Vielfalt bieten.
Ich selbst zog aus purer Neugierde los. Denn nachdem ich Armenien bereist hatte und dort immer wieder Reisende traf, die gerade ganz glücklich aus Georgien kamen oder erwartungsvoll von Armenien aus nach Georgien  fuhren, wollte ich es selbst er-fahren, im wörtlichen Sinne, das, was es dort zu erfahren gibt.

Der südeurasische Raum ist voller politischer Sprengkraft und Krisenherde. In den 1970er Jahren sind die jungen Leute mit alten klapprigen VW-Bussen von Deutschland aus genau in diese Gegenden gefahren, um sich zu entdecken, um auszubrechen,um SEIN zu dürfen. Sie haben als junger Mensch genau diese Zeit bewusst erlebt. Hatten Sie damals die gleiche Sehnsucht, in diese Gebiete zu reisen?

Es ist für mich ein Phänomen, dass die Georgier offenbar keiner Meditationen bedürfen, um im Jetzt zu leben. Georgische Philosophen sprechen von einem „dramatischen Glücksgefühl“, das uralte Lied „Zutisopeli“, was übersetzt heißt: „Minutenwelt“ erinnert sie daran, und damit auch uns, dass alles, was mit unserer Existenz als Menschen in Verbindung steht, nur eine „Minute“ lang währt.

Daraus entspringen Gastfreundschaft sowie Freundschaften überhaupt, menschliche Verbindlichkeiten,die unbezahlbar sind. Ich erinnere mich an ein österreichisches Ehepaaar, das ich in Tbilissi traf. Und ganz berührt, immer noch, davon erzählte, dass sie durch eines der georgischen Dörfer gezogen waren und eine Georgierin sie plötzlich zu sich heranwinkte, ihnen anzeigte, sie sollten einen Moment warten.

Dann begann sie, für die beiden einen großen Blumenstrauß zu pflücken. Das klingt märchenhaft und das wird es so eines Tages vielleicht gar nicht mehr geben, aber die beiden Reisenden hatten es erlebt und wiederholten immer wieder: „Sie kannte uns doch gar nicht!“

Aus den Nachrichten sieht man in diesen Landschaften oft die Bilder von Krieg, Zerstörung, Armut, Kriminalität. Sind das nicht Bilder, die ein Klima von Vorurteilen und Angst vor einer solchen Reise schaffen? Und, warum tun Sie es trotzdem?

Wenn wir davon ausgehen, dass unser Leben nicht länger dauert als ein Wimpernschlag, sollten wir dann nicht die;“Zwischenzeit“ nutzen für das, wohin es uns treibt, worauf wir neugierig sind, wohin wir schon immer einmal wollten, wenn uns das möglich ist? Und damit meine ich nicht unbedingt die Fernreise, oder die Reise nach Georgien, sondern auch den Badesee gleich vor der Stadt oder ein Wäldchen, in dem ein sagenhafter Findling liegt.

Ich selbst reise prinzipiell nur dorthin, wo ich das Gefühl habe, dass ich als Mensch, gut möglich auch als Schriftstellerin, hin „soll“. Und da ich allein reise, nicht zuletzt, um pur dort dann wahrzunehmen, schaffe ich mir prinzipiell dort auch ein kleines soziales Netzwerk. Gefahr gibt es überall. Und das ist meine „Sicherheit“: Der Ortsansässige wird mich am sichersten führen und begleiten.

Die Informationen des Auswärtigen Amtes gehören genauso mit dazu. Mich interessieren die einfachen Menschen. Und so komme ich zu ihnen und  gehe mit ihnen durch ihr eigenes Land. Bei mir funktioniert das so. Und darüber bin ich sehr, sehr froh.Für mein Buch „40 Tage Georgien“ waren aber auch die Erfahrungen all der Menschen in Georgien wesentlich, die an den kriegerischen Ereignissen der 1990er Jahre und von 2008 zu tragen haben.

Sind Sie vom Naturell eher naiv oder leichtsinnig? Oder gibt es da etwas, was unsere hochtechnisierte und zivilisierte Welt nicht mehr kennt bzw. verlernt hat?
 
Vom Naturell her bin ich so etwas wie wissend-naiv. Nie würde ich mich wissentlich in Gefahr begeben. Ich möchte da nichts herausfordern. Wozu auch? Wem müsste ich da etwas beweisen? Das wäre völlig ohne innere Notwendigkeit.

Ich bereite mich vor, prüfe noch einmal für mich, ob ich da wirklich hin „soll“ und dann reise ich ohne Angst, auch wenn sich am Ort dann vielleicht auch mal eine brenzlige Situation ergeben würde/ wird. Wie es ganz genau bei mir funktioniert, weiß ich selbst nicht zu sagen.

Besagte Naivität ist etwa die eines Kindes, das offen ist, ohne Vorurteil,  daran interessiert, wie dies oder jenes genau funktioniert, dabei ehrlich interessiert oder auch ganz ehrlich an einer bestimmten  Sache gar nicht interessiert. Und all das mit offenem Herzen und mit Respekt. Und ähnliche Menschen treffe ich dann auch. Es sieht immer nach Zufall aus.

Der bekannte Fotograf Jim Rakete hat in einem Interview einmal gesagt, dass er so viel wie möglich an Informationen über den zu Portraitierenden sammelt, um all das gleich wieder zu vergessen, sobald der Portraitierende vor einem steht. Geht Ihnen das ähnlich?

Fakten vergesse ich. Die muss ich mir immer wieder neu sammeln. Aber was das Zentrum einer Begegnung mit einem Menschen ist, die Geschichte, die wir sozusagen miteinander erleben, die vergesse ich nicht; die wird Teil meiner selbst. Vorher möchte ich gar nichts wissen. Was ich wissen möchte, frage ich dann direkt in „unserer Geschichte“, die wir miteinander erleben.

Ich begegne ja zumeist keinen Prominenten. Manchmal gibt es noch Informationen hinterher.  Zum Beispiel recherchierte ich erst dann zu dem Schriftsteller Giwi Margwelaschwili, nachdem mich drei verschiedene Georgier gefragt hatten, ob ich ihn kenne. Den heute 90jährigen selbst traf ich leider nicht. Aber allein schon, dass er die Idee verfolgt, dass wir alle Buchpersonen sind, sprach mich außerordentlich an, regte mich an…

Wohin und wie führte Ihre erste Reise? Und wann hat Sie das Reisefieber gepackt?
 
Das Reisefieber ist mir angeboren. Und vielleicht ist es auch kein „Fieber“ und geht es bei mir auch gar nicht um die „Reise“, das „Verreisen“? Ich liebe Vargas Llosas Roman: „Der Geschichtenerzähler“. Da gab es bei den indigenen Stämmen im Amazonasgebiet einen Geschichtenerzähler, der zu keinem der Stämme direkt gehörte, sondern von einem zum anderen zog, um den einen von den anderen zu erzählen.

Vielleicht waren meine Vorfahren Nomaden und ich kann es noch spüren? Vielleicht waren da auch mehrere Handelsvertreter oder so etwas? Ich weiß es nicht. Jedenfalls bin ich zum ersten Mal mit drei Jahren in vollem Vertrauen „in die Welt“ gezogen, mit einem Kinderköfferchen in der einen Hand und meinem zweijährigen Bruder an der anderen Hand. Unser Hund, ein Wolfsspitz, hat uns begleitet. Und selbst meine Mutter, die schon lange nicht mehr lebt, fand an dieser ganzen Geschichte allein merkwürdig, dass auch der Hund mitgekommen ist…

Wenn Sie unterwegs sind, möchten Sie dann wieder nach Hause, nach Leipzig? Oder bedauern Sie, schon wieder abreisen zu müssen?
 
Wenn es eine Reise ist, die völlig stimmig ist, dann gibt es solche Gefühle wie Heimweh nicht; jedenfalls bei mir nicht. Wenn ich hier bin, dann bin ich hier; und wenn ich dort bin, dann bin ich dort. Durch die Verbindungen, die sich andernorts herzlich aufgebaut haben, gibt es bei mir aber immer einen wehmütigen Ablöseprozess –  einen Tag vor der Abreise, dann während der                 Reise sowie am ersten Tag der Ankunft; insgesamt drei Tage lang. Das ist dann der Prozess des innigen Abschieds, wie ich es nenne.

Ist es mitunter ein Zwiespalt, unterwegs und zuhause sein zu wollen? Kennen Sie das Gefühl, sich auf zuhause zu freuen, doch gleich wieder los zu wollen, wenn Sie gerade zuhause sind?
 
Nein, das kenne ich nicht. Es ist tatsächlich so: Alles hat seine eigene Zeit. Und so entscheide ich es auch. Was nicht ausschließt, dass ich Sehnsucht bekomme, wenn ich mit Freunden in Brasilien, Armenien, Georgien… telefoniere.

Macht das Reisen aus Constanze John zuhause eine Sammlerin oder Minimalistin?
 
Ich habe immer als Minimalistin gelebt. Der größte Reichtum ist Freude, die man bekommt, gibt oder miteinander hat. Und diese Erfahrung macht reich. Wer reist, kann solchen reichen Menschen immer wieder begegnen, Menschen mit Würde, die materiell vielleicht arm sind, aber die so reiche Menschen sind.

Dann wird das Jetzt gefeiert, der Moment der Begegnung, mit einem Blumenstrauß, einem Glas Tee oder einem Selbstgebrannten; in Georgien mit dem legendären Tschatscha. Dann meine ich der Essenz eines glücklichen Lebens, zumindest für mich, sehr nah zu sein. Kleine Mitbringsel gibt es natürlich auch immer, die ich zu Hause einige Zeit bewahre und dann an gute Freunde weiter verschenke.

Unterwegs scheint es Ihnen leicht zu fallen, mit fremden Menschen in Kontakt zu treten. Wie ist das in Ihrer Heimatstadt?
 
Der Leipziger ist an sich ein offener Mensch. Dieses Naturell passt ganz gut. Dabei bin ich nicht der Mensch, der jeden ansprechen muss. Sehr gern bin ich auch zurückgezogen, genieße und verinnerliche die Erfahrungen und transferiere es im besten Falle zu Text, schreibe es nieder. Ich schätze genau wie die Ferne die Nähe. Alles verbindet sich und ist ja sowieso verbunden. Eines meiner wesentlichen Arbeitsfelder „daheim“ ist die Arbeit mit Kindern, die ihre eigenen Geschichten aufschreiben.

Das sind wunderbare innere Reisen, lustig, fantastisch, nicht selten auch dramatisch. Meine letzte Rundfunkarbeit war ein kleiner Beitrag für Deutschlandradio Kultur, für die Kindersendung KAKADU über das neu eröffnete Vicoriahaus im Leipziger Botanischen Garten: Vor über 150 Jahren waren sogenannte Pflanzenjäger von Europa aus in alle Welt gezogen, um dort
nach hier unbekannten Pflanzen und Tieren zu „jagen“. Ein Leipziger war auch dabei und brachte u.a. die Riesenseerose Victoria aus dem Amazonasgebiet mit…

Der von mir sehr geschätzter und leider früh verunglückte Evangelist Wolfgang Dyck hat einmal gesagt, man müsse die Zeit ausverkaufen. Er wollte die Zeit, die ihm bliebe, so intensiv für seine Überzeugung nutzen. Geht das einem Reisenden, der die Welt entdecken will, nicht genauso?
 
Dazu das Gedicht/ Gebet/ Lied der „Minutenwelt“ am besten in voller Länge: Zutisopeli: »Wir sind Gäste in dieser Welt der Minute, wir vergehen, und die Nächsten bleiben hier. Was wir miteinander tun, all diese freundlichen und angenehmen Dinge – das ist es doch, wofür wir leben,             oder? Was, außer dem, werden sie mit in unsere Gräber legen? Nur drei Meter Leinwand, nur« … Und wir wissen ja nie vorher, wieviel Zeit uns wirklich bleibt bzw. wieviel Zeit wir haben.

Ist das Leben zwischen den Reisen für eine Constanze John rastlos, um dann in den Reisegebieten anzukommen und sich zeitlupenartig innerlich zu verlangsamen oder ist es genau anders herum?
 
Als Kind war ich eine schnelle Läuferin, sehr schnell sogar. Heute weiß ich, dass ich, um meine Qualitäten aus jungen Jahren halten zu können, langsamer werden muss. So ein guter Wein wie der georgische muss reifen, um wirklich gut zu werden.
Wenn ich es manchmal nicht schaffe, so langsam wie nötig zu sein, weil es – warum auch immer – gerade nicht geht, ist der Preis, den ich zahle, meistens die Freude, die dann bei aller Eile fehlt  – am Schauen, Recherchieren/ Erkunden, an der Suche nach der passenden Struktur, am kreativen Zusammenfügen und Abschließen… Die Freude  für einen selbst, die der Leser dann aber auch vermissen wird. Schreiben ist für mich ein Gespräch.

Gibt es eine Sorge, dass man gar nicht alle Reiseziele im Leben schaffen kann, die man gerne entdecken würde und richten Sie sich bei der Auswahl dieser Ziel auch an die verbleibende Lebenszeit? Ist es vorstellbar, irgendwann nicht mehr zu reisen?
 
Darüber denke ich nicht nach. Ich muss ja nichts schaffen diesbezüglich. Das besitzt keine innere Notwendigkeit.

Mir selbst geht es so, dass ich an jedes meiner Reiseziele gerne wieder zurück kehren möchte und tatsächlich auch wieder Neues entdecke. Wie ist das bei Ihnen? Gibt es vielleicht ein Ziel, was Sie auf jeden Fall wieder besuchen möchten und eines, welches auf keinen Fall mehr auf der Wunschliste steht?
 
Durch die Tiefe der Freundschaften oder auch gemeinsamen Erlebnisse reise ich, zumindest mental, immer wieder an diese Orte, an denen ich nun schon gewesen bin, in Verbindung mit den Menschen.

Wenn Menschen heute reisen, dann kommen die entsprechenden Versicherungspakete, Schutzbriefe, Internetverbindungen, Whats-App-Gruppen,Hightech Bekleidungen, Impfungen und digitale Routenplanungen zum Zuge. Was junge Leute früher mit rostigen VW-Bussen machten, unternehmen heute Mutige mit tonnenschweren Expeditionsmobilen, natürlich satellitenüberwacht.  Hat man in diesem hochtechnisierten und digitalen Zeitalter überhaupt eine Chance, Menschen zu begegnen? Und wie ist eine solche Chance am größten? Oder geht uns gerade die Fähigkeit verloren, wirklich und frei zu entdecken und ganz analog von Mensch zu Mensch zu begegnen?
 
Ich könnte mir vorstellen, dass diese Schwierigkeit im eigenen Land hier am größten sein könnte, genau wie in den anderen  hochzivilisierten Ländern. Das ist heute eben unsere Herausforderung. Impfungen halte ich für sinnvoll, Informationen der konkreten Sicherheitslage im Land ebenso, auch über kulturelle Eigenheiten, die unbedingt zu beachten sind. Alles andere lasse ich auf mich zukommen.

Mein Rucksack ist ein Schulrucksack für 14 €, flache Schnürschuhe müssen bequem sein, der Rock muss weit genug sein, um nie zu behindern…Mein Smartphone habe ich dabei, verwende da aber keine Apps, sondern frage lieber die Leute am Ort. Ich habe prinzipiell Zeit. Hätte ich im höchsten Dorf Europas, in Uschguli, in Georgien, nur die touristische Tagestour absolviert, hätte ich natürlich auch viele schöne Fotos dieser beeindruckenden und unter UNESCO-Weltkulturerbe-Schutz stehenden Wehrtürme machen können, wäre ich aber nie der jungen swanischen Regisseurin begegnet, die einen Film über die alte Kultur von Frauenraub und Blutrache gedreht hat, und auch nicht dem  wunderbaren Maler Pridon… Kein Einheimischer wird einen vorüberhastenden Touristen aufhalten wollen, erst recht nicht die stolzen Georgier oder eben Swanen…

In Ihrem Buch gibt es verhältnismäßig wenige Fotos und genau die sind auch in schwarz-weiss. Wohltuend übrigens als Kontrast zur heute üblichen Bilderflut. Sind die Bilder tatsächlich in schwarz weiss aufgenommen? Sind Sie eher zurückhaltend mit dem Fotografieren?
 
Zunächst einmal ist der Fotoapparat bei meiner Reise, z.B. konkret nach Georgien, ein Arbeitsmittel. Das ist ein ganz einfacher Fotoapparat, denn wichtig ist mir die Handlichkeit. Ich bin kein Reporter, sondern eine Reisende. Die Fotos dienen im Schreibprozess zur Erinnerung, zur Vergegenwärtigung des Moments. Im vorhergehenden Band „Vierzig Tage Armenien“ gibt es keine Fotos.

Das Geschriebene erzeugt die Bilder. Dafür, dass mir das an verschiedenen Stellen gelingt, war dienlich, dass ich immer wieder die Möglichkeit hatte und habe auch für den Rundfunk zu schreiben und dort über das Wort Bilder beim Hörer zu erzeugen. Ich liebe Bilder, sowohl Malereien, Zeichnungen als eben auch Fotographien. Dennoch zögerte ich zunächst, als der Verlag mir vorschlug, diesmal auch einige meiner Fotos beizusteuern. Die Fotos sind ursprünglich farbig aufgenommen. Und ich habe dann geschaut, welche am ehesten auch bzw. gerade in Schwarzweiß gut funktionieren.

Wie viele Bilder haben Sie in Georgien gemacht? Fotografieren Sie digital oder analog? Mit welcher Kamera sind Sie unterwegs?
 
Ja, wäre ich ein Fotograph, würde ich in diesen Zeiten wohl aufs Analoge wechseln. Noch dazu, da ja in Georgien Filme nach wie vor und sehr bewusst analog aufgenommen und produziert werden. „Die Bilder besitzen eine größere Tiefe“, heißt es… Aber mein erstes Medium ist ganz klar das Wort. Um jetzt Ihre Frage nach der Kamera zu beantworten, müsste ich aufstehen, um nachzuschauen. Wollen Sie das? Ist das wichtig? Ich sage Ihnen soviel:

Meine Kamera ist schwarz, leicht und passt gut mit allem anderen – Schulheft A5 für Notizen, Stift, Wasserflasche, Taschentücher – in meine dunkelgrüne Tasche, bedruckt mit den georgischen Buchstaben, welche wunderbar verschnörkelt aussehen; einer davon sogar wie eine Eistüte. – Und  wieviele Bilder ich in Georgien gemacht habe, habe ich gar nicht gezählt.

Die Texte zu den Artikeln und Büchern entstehen unmittelbar am Abend oder erst zuhause?
 
Es gibt drei Hauptquellen während eines Reisetages: die Fotos, die Notizen unterwegs; zumeist am Abend; sowie die Interviews, welche ich mit meinem kleinen Aufnahmegerät aufnehme; auch dieses digital. Das ist praktisch und leicht.

Manchmal gibt es so ein Erlebnis, ein Bild, was man von einer Reise mitnimmt und was lange und unvergesslich hängen bleibt. Gibt es ein solches von Georgien?
 
Im Buch sind ja viele solcher Erlebnisse und Momente beschrieben. Es gibt da tatsächlich nichts,
was ich herausnehmen könnte und wollte. Umgekehrt gibt es aber im Prozess des Schreibens am Buch, am Gesamten, dann den Vorgang, bei dem sich herauskristallisiert, was das Buch „braucht“ und was nicht. Das aber ist dann schon die Feinstufe.

Und die geht vor allem über das Gefühl. Mich erstaunt dabei immer wieder, dass ich nie vorher weiß, welches Erlebnis, welche Begegnung sich als erzählenswert oder erzählbar entfalten wird, und welches eben nicht.

Schafft Reisen einen weiteren Horizont? Würde Rechtspopulismus ein Teil der Grundlage entzogen, wenn die Menschen mehr reisen würden?
 
Es gibt im Buch das Zitat einer mir sehr lieben, inzwischen in hohem Alter verstorbenen Freundin aus dem Bergischen Land, die ihr Leben lang in ihrem Dorf gelebt hat und dennoch immer den Weitblick behielt: „Die Welt geht hinter dem Ortsausgangsschild weiter“, sagte sie gern. Und: „Ich glaube manchmal, wenn wir Menschen mehr voneinander wüssten, wäre mehr Frieden in der Welt.“

Sie haben offensichtlich einen engen Bezug zu Kindern. Kann man ein Kind oder einen Erwachsenen leichter für den Inhalt eines Buches wie 40TAGE GEORGIEN gewinnen?
 
Das Buch ist nun vor einer Woche erschienen und ich kann Ihnen da gar nichts dazu mitteilen. Es gibt noch keine Erfahrungswerte. Für Kinder ist es vielleicht weniger geeignet; vor Jugendlichen aber habe ich bereits daraus vorgelesen, beidseits mit großer Freude übrigens. Besonders wird seitens der Jugend Pridon aus Uschguli nun sehr verehrt und seine Überlegungen zur galaktischen Spirale, aber auch Zuka aus Kasbeki, der noch auf  der Suche ist nach der passenden Frau…

Was (glauben Sie) brauchen Sie zuhause, was Sie unterwegs nicht brauchen?
 
Ich sehe da komischerweise keinen Unterschied. Ich bin ja auch zu Hause unterwegs.

Können Sie mir den Begriff Erfolg definieren?
 
Es ist schön, wenn ich zum Beispiel ein Projekt oder eben auch ein Buch erfolgreich, d.h. stimmig
in sich selbst, abgeschlossen habe, wenn es lebendig wird.

Können Sie mir den Begriff Glück definieren?
 
Glück ist ein gutes, konstruktives Gefühl. Wenn das, was mich ausmacht, anderen etwas gibt, im besten Falle Freude, Mut zur Offenheit, auch zu Gefühlen, innere Verstärkung, weniger Angst, dann macht mich das glücklich. Und jetzt kommt noch ein Satz: Dort, wo ich fast schon aufgegeben hatte, hat dann alles begonnen.

Liebe Frau Constanze John, ich trau mich gar nicht, noch weitere Fragen zu stellen, obgleich ich ziemlich neugierig bin. Aber liest man Zeilen, so erfährt man eben nicht nur das beschriebene sondern auch einiges über denjenigen, welcher schreibt.

Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und bin sehr gespant, wohin die nächste Reise geht.

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