Näher zu Dir mein Gott | Zum Abschied eines geliebten Menschen

Gotland | © mare.photo
Horizont | © mare.photo
Nun heißt es, Abschied zu nehmen. Nein, nicht wirklich. Abschied haben wir die letzten vielen Tage voneinander genommen. Denn wir wussten, der Tag wie heute kommt. Dankbar und wehmütig denke ich an unsere gemeinsame Zeit zurück. Die gemeinsame Zeit an eine sehr streitbare und doch so warmherzige Frau.

Nun hast Du Deine letzte Reise angetreten. Ich gönne sie Dir von Herzen. Und doch habe ich immer gehofft, Du würdest damit noch warten. Dein Leben war lebendig, eine Gezeitenreise. Du hast die Ebbe wie die Flut erlebt, den Sturm wie die Flaute. Du bist vor keiner Welle geflohen und hast Dich schützend vor uns gestellt, wenn der Wind kalt ins Gesicht blies. Manche Flut hat alles mitgerissen und manche Ebbe alles offenbart.

Etwa 400 Pfegekindern hast Du für einen Moment ein Zuhause gegeben, mal für ein paar Tage, mal für ein paar Jahre. Du hast Menschen nach ihrem Inneren bewertet und mir ist schon als Kind Dein Satz hängen geblieben, dass Huren oft vielleicht die besseren Mütter seien. Du hast Dich für keinen Menschen geschämt und bist für manchen durchs Feuer gegangen.  In der Zeit des dritten Reichs hast Du kein Blatt vor den Mund genommen, drei mal wurdest Du von der Gestapo abgeholt und hast trotzdem Deinen Standpunkt vertreten.

Als ich im Krankenhaus lag und auf einmal keine Eltern mehr hatte, habt Ihr mich adoptiert. Eine schönere und bessere Kindheit könnte ich mir nicht vorstellen. Und Euch als Eltern würde ich glatt wieder nehmen.

Gestern nahmst Du alle Kraft zusammen, mir einen letzten Kuss zu geben. Du hast es nicht mehr geschafft, aber Deinen Wunsch habe ich gespürt. Deine Augen waren klar, auch, wenn sie schon halb in eine andere Welt blickten. Deine Hand nahm alles zusammen, um meine zu halten.

Nach 16 Jahren folgst Du nun Deinem Mann. Wir können nicht sehen, wohin. Aber mit den Worten von Udo Lindenberg „Hinter dem Horizont gehts weiter, ein neuer Tag beginnt…“ glauben wir wie Du an ein Leben im Paradies. Der Gott, der das Paradies geschaffen hat, hat an Schleswig-Holstein, an Dänemark, an Schweden und an Norwegen so erfolgreich geübt– kaum vorstellbar, dass diese Schönheit noch zu toppen ist. Bald wirst Du sie entdecken.

Heute heißt es, leise Danke zu sagen. Und auf Wiedersehen. Und viele Grüße in das Land, in dem Deine Seele ein neues Zuhause findet.

Dein jüngster Sohn, Deine Schwiegertochter, Dein jüngstes Enkelkind, und Dein bester Freund, unser Hund – kurzum, alljene, die diesen Blog mit Leben füllen…

© mare.photo

Abschied | © mare.photo

 

Jeder Artikel wird weiter entwickelt, angepasst, ergänzt. Wenn Sie Anregungen oder Erlebnisse, historische und aktuelle Bilder haben, gerne mit uns zusammenarbeiten oder sich an dieser Stelle präsentieren möchten, dann schreiben Sie an redaktion@weites.land.

Kommentare

  • Ja nun hat Mama den lang ersuchten Frieden, wie wunderbar das Du und Deine Lieben sie auf der letzten Strecke begleiten durftet.
    Ihr habt das mit soviel Liebe und Hingabe getan und mit Freude. Papa,sagte eine kurze Zeit vor seinem Tod zur Mama, ‚ und es war doch so gut und richtig die Kleinen in unserer Familie zu haben.‘
    Du warst ein wundervoller Sohn und Freund für Mama und hast ihr diese letzten Jahre so verschönert. Wir danken Dir.

  • Danke lieber Bruder! Du konntest es nicht besser ausdrücken! Beim Lesen kullern mir die Tränen über die Wangen.

Schreibe uns Deine Meinung