Grenzlandgeschichten

Mord am Grenzübergang Ellunder Kirchweg | Grenzlandgeschichten

ehemaliger Grenzübergang Ellunder Kirchweg in Fröslev (Frøslev) | ©  weites.land
ehemaliger Grenzübergang Ellunder Kirchweg in Fröslev (Frøslev) | ©  weites.land
Es ist ein kleines provisorisches Schild an der Schranke des ehemaligen Grenzüberganges Ellunder Kirchweg in Fröslev, was mich aufmerksam macht. Auf dänisch ist hier von er Ermordung eines Asmus Jensen die Rede.

Irgendwo ein wenig abseits östlich der Autobahn E45 / A7 befindet sich zwischen Fröslev (Frøslev) und Ellund der alte Kirchweg, der zugleich ehemaliger Grenzübergang ist. Heute sind die beiden Schranken übrig geblieben, die Autobahn hat diesen Weg zerschnitten. Und so steht die Schranke der deutschen Seite vor einem dichten Gestrüp. Links erinnert ein kleines fast provisorisches Schild an eine ganz persönliche Tragödie, die wohl niemals richtig aufgeklärt wurde. Die Dänischen Brigaden sollen am 05. Mai 1945 an diesem Ort Asmus Jensen kniend erschossen haben.

Doch wer war er und wer sind seine Mörder? Wir haben uns auf Spurensuche begeben und sind dabei auf eine zwar lückenhafte aber dennoch berührende und spannende Geschichte gestoßen.

Offiziell wird Asmus Jensen auf der Flucht von der dänischen Brigade, einer Widerstandsbewegung, die sich der dänischen Polizei und des britischen Militärs nicht unterordnen will, auf der Flucht erschossen. Doch einige Gerüchte in Padborg geben Hinweise darauf, dass er in Wirklichkeit von einer örtlichen Widerstandsgruppe regelrecht hingerichtet wird. In Padborg sind die wahren Täter einigen Menschen bekannt, sie sprechen aber nicht darüber.

Mehrere Jahre an Recherchearbeit sind nötig, um den Fall auf den heutigen Stand zu bringen. Maßgeblich engagiert war dazu Kurt Jensen für dengang.dk. Selbst noch in den letzten Jahren gibt es Menschen, die versuchen, ihn bei der Beschaffung der nötigen Informationen zu behindern.

Spurensuche

Asmus Jensen lässt sich in Tinglev zum Bäcker ausbilden. Im Anschluß absolviert er ein Studium bis 1940, anschließend zieht es ihn nach Hamburg. Hier lernt er eine Französin kennen. Beide heirateten am 23. Juni 1943 in Hamburg-Lockstedt, obwohl seine Frau zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt ist. Etwa zwei Monate später reisen sie nach Dänemark, wo sie 1944 ihre Tochter zur Welt bringen.

Vermutlich ist Asmus Jensen in der Zeit von April bis Oktober 1944 Mitglied des Sommerkorps und so als Wachmann auf der Insel Møn eingesetzt. Im Anschluss wird er nach Værløse versetzt. Das Sommerkorps ist eine dänisch-nationalistische Einheit mit etwa 800-1000 Mitgliedern, welche die deutschen Besatzer mit der Bewachung von Flughäfen unterstützen, eine kleine Gruppe von etwa 20 Mann terrorisiert aber auch die Zivilbevölkerung und schiesst beispielsweise beim Volksstreik in Kopenhagen im Sommer 1944 wahllos auf Zivilisten. Sie sind berüchtigt für ihre schwarzen Uniformen. Die dänische Widerstandsgruppe Holger Danske tötet 11 Mitglieder des Sommerkorps. Das Korps selbst wird geführt von einem verdienten Luftwaffenkapitän Poul Sommer, der selbst auf dem Friedhof in Broager beerdigt wird.

Asmus Jensen erzählt angeblich seinen Eltern während eines Besuches, dass er zwar an gewalttätigen Aktionen nie beteiligt währe aber eines Tages allein für seine Mitgliedschaft in diesem Korps gerade stehen müsse. Auf jeden Fall aber hat Asmus Jensen während dieser Zeit Kontakte zu Menschen, die selbst Kontakte zu einer dänisch-britischen Spionageeinheit in Hamburg betreiben.

Es gibt zahlreiche Gerüchte um Asmus Jensen. Seine Frau, die später nach Frankreich zurück geht, bestreitet, dass ihr Mann überhaupt in dieser Einheit gedient hat. Für die einen soll er Widerstandskämpfer aus Bov ausfindig machen, für andere sollte er sogar Mitglied der SS werden. Kurz vor Kriegsende arbeitet er jedenfalls in einer Bachstube in Flensburg in seinem ursprünglich erlernten Beruf. Keine der Behauptungen über ihn kann diesbezüglich bestätigt werden.

Nach der Befreiung Dänemarks sichert die schwedische Feldpolizei die Grenze zu Deutschland. Sie haben zwei Ford V8 und 16 Volvon für den Streifendienst mitgebracht, ihr Einsatz wird etwa 12-14 Tage dauern. Die Feldpolizisten sind mit Fahndungsbögen ausgestattet, auf denen nach 2.900 Menschen gefahndet werden soll, die man zum Verhör vorladen und verhindern will, dass sie über die Grenze fliehen. Die Listen haben entsprechende Fotos. Auf diesen Listen jedenfalls ist Asmus Jensen nicht zu finden.

Allerdings hat die dänische Widerstandsbewegung eigene Listen mit Namen von etwa 40.000 Menschen und genau darin findet sich sein Name. In den ersten 14 Tagen gibt man dieser Widerstandsgruppe, der dänischen Brigade, die gleichen Kompetenzen wie der Polizei. Doch die Befreier, englische Soldaten, haben ihre Mühe, diese Brigade einzubinden und müssen sie zum Teil mit Waffengewalt an Übergriffen hindern. So kommt es auch zu einem Vorfall am 15. Juli 1945, als dänische Widerstandskämpfer sich am Bahnhof gegen deutsche Frauen und Kinder richten, dass die englische Armee sich gezwungen sieht, das Kommando zu übernehmen, um den deutschen eine gefahrlose Abfahrt nach Flensburg-Weiche zu gewährleisten.

Asmus Jensen hat seinen letzten Arbeitstag in der Flensburger Backstube am 02. Mai 1945, dann erscheint er nicht mehr. Er besucht seine Eltern in Kiskelund und begibt sich zusammen mit seiner Frau und der Tochter im Kinderwagen liegend  am 07. Mai auf den Weg nach Smedeby, ihrem Zuhause.  Er selbst schiebt dabei sein Fahrrad, seine Frau den Kinderwagen. Einige Quellen nennen aber auch den 09. Mai. Es ist später Nachmittag und sie befinden sich am Kruså Korsvej. Da stoppt ein LKW mit fünf Männern. Die Männer tragen Armbinden. Sie schieben Jensens Frau mit dem Kinderwagen weg, welche darüber in den Straßengraben stürzt. Asmus Jensen packen sie und fahren mit ihm in Richtung Fårhuslager, dem ehemaligen Frøslevlejren.

Die offizielle Version ist, dass ein Feldpolizist sich in einer Autowerkstatt aufhält, als er zwei Frauen hört, die meinen: „…da läuft der verdammte Sommermann…“. Ein ebenfalls anwesender englischer Soldat kontrolliert Asmus Jensen, der auf dem Fahrrad unterwegs ist und sich als solcher zu erkennen gibt. Jensen wird ins Büro nach Kruså gebracht, wo auch zwei Männer der dänischen Widerstandsbewegung anwesend sind. er gibt seine Mitgliedschaft im Sommerkorps zu. Er solle auch erklären,dass er einen Freund bei der SS hätte, den er über die Grenze bringen solle. Asmus Jensen wird nun offiziell ins Fårhuslager überstellt. Doch seine Frau, die zu den Schwiegereltern eilt, fährt mit diesen und dann nochmals mit einem Nachbarn zum Fårhuslager, wo niemand etwas von der Aufnahme Asmus Jensen weiß.

Zu dieser Zeit befindet sich auch Aksel Olsen aus Aabenraa (Apenrade) im Lager, Er wird später Herausgeber der Jydske Tidende und der Zeitschrift Refelction. In einem Buch wird er später behaupten, dass ein Häftling im Fårhuslager von der dänischen Brigade umgebracht worden ist.

Auch in dem Buch „Faarhus – Straflager für deutsche Minderheit“ von Hans Cr. Jessen gibt es die Aufzeichnung eines SS-Offizieres, dass bei einem Appell im Juni im Fårhuslager  der Name Asmus Jensen aufgerufen wird, obwohl man seiner Frau gegenüber zuvor dessen Anwesenheit bestritten hat. Einen Monat also nach seinem Verschwinden wird er hier aufgerufen.

Mehrmals wird auch Asmus Jensens Vater bei der Polizei vorstellig, um etwas über seinen Sohn zu erfahren, doch stets wird er abgewiesen. Doch bereits ab dem 18. Mai hört seine Mutter von Gerüchten, die besagen, dass ihr Sohn erschossen worden ist. In einer Molkerei prahlt ein der Widerstandsbewegung nahestehender, bei der Erschießung anwesend gewesen zu sein. Erst vier Wochen später reagiert die dänische Polizei. Und erst am 09. Juli 1945 werden die Eltern von Asmus Jensens Tod durch die Polizei informiert, also eine Woche, nachdem die dänische Brigade den Bericht an die Polizei gegeben hat.

Ein offizieller Bericht kommt zu dem Schluss, dass Asmus Jensen mit drei Vertretern der Feldpolizei bzw. der dänischen Brigade an der Grenze angekommen ist. Dort versucht er über die Grenze zu fliehen, doch die Bewacher schießen aus einer Entfernung von etwa 100-160 Metern mit zwei Schüssen in den Nacken.

Doch der angegebene Tatort kann in Wirklichkeit gar nicht stimmen, da etwa 60 Meter vor der Leiche ein Stacheldrahtzaun und Sträucher ein Durchkommen unmöglich machen. Der Schütze jedoch hat offiziell den Tod von Asmus Jensen festgestellt und ist dann gegangen.

Südlich des Grenzsteines Nr. 71 findet ein deutscher Grenzjendarm während der Streife mit seinem Hund am 19. Juli 1945 einen etwa 20 Zentimeter hohen Grabhügel. Er gibt diese Information an die dänische Polizei, die erklärt, dass sie sich den Fund anschauen will, sobald sie Zeit habe.

Als der Tatort untersucht wird, bietet sich den Ermittlern ein schreckliches Bild. Der Kopf hatte keine Verbindung mehr zum Körper und es wurde festgestellt, dass dem Toten zwei Schüsse aus unmittelbarer Nähe in den Nacken gegeben worden sind. Die Polizei nimmt dem Toten die Jacke ab, an derer der Vater von Asmus Jensen seinen Sohn identifizieren wird. Umgehend nach Auffinden wird der Leichnam in einen Sarg gelegt und in die Kapelle gebracht. Bereits am nächsten TAg findet die Beerdigung statt.

Zu viele Pferde in Krusau (Kruså) und eine ungewöhnliche Beobachtung

Es ist die Zeit des Umbruchs und die Deutschen wissen, dass sie in Dänemark pauschal nicht mehr willkommen sind. So versucht sich jeder über die Grenze nach Süden zu retten. Und das möglichst mit ihrem Hab und Gut. Die Bauern wollen möglichst auch ihre Pferde mitnehmen, doch die werden beschlagnahmt. Doch mittlerweile sind die Koppeln auf Krusågards voll und so müssen die Tiere auf den Weiden des deutschen Hof Simondys grasen.

Am 19. Juli 1945 bringt Kjær Madsen mit einem Mitglied der dänischen Brigade Pferde eben auf diese Koppel. Dabei bemerken sie, dass etwas ausgegraben worden ist. Kjær Madsen  wendet sich an die Polizeistation in Padborg gegenüber des Bahnhofes, verneint dort aber, dass ihm bereits früher etwas aufgefallen ist. Jeden Tag hat er Pferde hier her gebracht, demnach muss die Leiche vom 18. auf den 19. Juli an diesem Ort vergraben worden sein. Allerdings wird der Tatort tatsächlich etwa 1500-2000 Meter entfernt vermutet und zwar im Søndermosevej 52-54. Der Leichnam muss dann mit einem kleineren LKW an den Fundort gebracht worden sein.

Fortsetzung folgt…..

 

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