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Kodak Tri-X: Geradeaus in die Zukunft und Rechts ins Verderben

Mit dem klassischen Reportagefilm Kodak Tri X und der Leica M7 + Elmarit 2.8 28 asph. new ist diese Serie  an einem nebeligen Morgen im ehemaligen Konzentrationslager Frøslevlejren entstanden. Die Idee dazu geistert schon einige Zeit in meinem Kopf, denn ich habe mir lange Gedanken gemacht, meine Gefühle zum aktuellen Umgang mit Auswanderern und Flüchtlingen aus anderen Teilen der Erde in Bildern zu erzählen.

Wir erleben eine Entwicklung von Egomanie, Angst, Hetze und Radikalisierung in einem Tempo, wie man es von der digitalen Revolution kennt. Selbst vor christlichen und demokratischen Parteien und angeblich christlichen Gemeinschaften macht solcher Zeitgeist nicht Halt. Schon lange treibt mich diese Entwicklung um. Nun war es Zeit, meine Gefühle und Gedanken dazu in Bilder zu fassen. Bilder, die an eine Zeit erinnern, in der es schon einmal eine solche Entwicklung gab, die in einer Tragödie endete.

Die derzeitige Debatte um Flüchtlinge und die Besetzung mit Vokabeln, die mich gefühlt in die Zeit des Dritten Reiches versetzen, sind Auslöser für diese Serie. Es geht einigen Menschen, die sich Politiker, sogar Demokraten nennen und zudem mit Christentum und Sozialem werben, nicht mehr um die Not der Menschen sondern alleine um ihre eigene Machtdemonstration. Sie nutzen Ängste ihrer Wähler und verharmlosen in einem unerträglichen Maße die Not und Gefahr vieler Menschen, die sich auf die Flucht begeben. Sie differenzieren nicht mehr zwischen Menschen in Not und Extremisten, stellen sie sich doch mit Letzteren durch ihr Verhalten auf eine gemeinsame Stufe.

Ich wünsche mir eine differenzierte und sachliche Debatte, wenn es um den Umgang mit Menschen geht, gleich, woher sie kommen. Populismus und Radikalität hat zur Errichtung des Lagers geführt, welches ich hier portraitiert habe. Gewalt fängt immer mit dem Wort an oder mit einem Bild. Daraus sollten wir lernen und menschlich im Umgang mit Menschen zu sein.

Mit dieser Serie möchte ich einladen, sich mit seinen Gefühlen und Gedanken in Bildern auszudrücken. Zunächst stellt sich dazu sicherlich die Frage, warum ich fotografiere. Was möchte ich ausdrücken? Habe ich mir dann mein Thema gesucht, kommen erst die Gedanken über das Wie.

In diesem Fall kenne ich die Gedenkstätte Frøslevlejren nahe der dänisch-deutschen Grenze. Ich habe sie schon oft besucht und fotografiert. Doch war sie mir auf meinen Bildern ihrer Geschichte angemessen viel zu schön. Die Bilder vermittelten, wie gut es die Menschen in einem Lager doch haben. 

An einem Morgen im Frühjahr gab es dann dichten Nebel. Genau die richtige Witterung, um die Seele eines solchen Ortes zu spiegeln. Um die Tristesse und Aussichtslosigkeit einer solchen Einrichtung abzubilden, wählte ich einen kontrastreichen Schwarz-Weiss-Film, der in früheren Reportagen eine enorme Rolle spielte und so ziemlich jede Aufnahmesituation beherrscht: den Kodak Tri-X. Oft wurde mit diesem Film Krieg und Not dokumentiert. Die Leica als Kamera erinnert mich ebenfalls immer wieder an Menschen, die mit ihr auch die gefährlichen und menschenverachtenden Orte der Welt einfingen. Und an die Leitz-Familie, die durch ihr Leica-Werk viele Juden vor der Vernichtung retteten ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit.

Nun hieß es, sich zu beeilen und die richtige Nebeldichte abzuwarten. Denn, wenn Nebel schwindet, tut er es schnell. Er musste dabei aber so dicht sein, dass eine gewisse räumliche Tiefe erkennbar sein würde.

Schon vor Jahren habe ich begonnen, Bilderserien zu bestimmten Themen zu erarbeiten. Oft sind seitdem die Gedanken und die Suche nach geeigneten Motiven der schwierigste Part. Vorangegangen waren Gedanken, wofür ich überhaupt fotografiere. Die Antwort habe ich für mich nach vielen inneren Diskussionen in folgende Worte gefasst:

Der lauten Töne sind genug. Es sind die leisen, die Klänge der Bilder, die unsere Seele öffnen.

Manchmal vergleiche ich eine Bilderserie seitdem mit einer Komposition. Dann kommt mir zu einem Bild ein Lied in den Kopf oder zu einem Song entstehen innere Bilder. Zu dieser Serie erinnerte ich mich an den Gospel Blowin´ in the Wind aus dem Jahr 1962. Und vielleicht waren es ähnliche Beweggründe des Texters Bob Dylan, Bilder in Worte zu fassen, so wie ich hier versuche, Worte in Bilder zu bringen. Auf einmal verbinden sich Bilder und Worte zweier unterschiedlicher Menschen, die sich nie begegnet sind.

Wieviele Strassen auf dieser Welt
Sind Strassen voll Tränen und Leid
Wieviele Meere auf dieser Welt
Sind Meere der Traurigkeit
Wieviele Mütter sind lang schon allein
Und warten und warten noch heut‘
Die Antwort, mein Freund, weiss ganz allein der Wind
Die Antwort weiss ganz allein der Wind

Wieviele Menschen sind heut noch nicht frei
Und würden so gerne es sein
Wieviele Kinder gehen abends zur Ruh‘
Und schlafen vor Hunger nicht ein
Wieviele Träume erflehen bei Nacht
Wann wird es für uns anders sein
Die Antwort, mein Freund, weiss ganz allein der Wind
Die Antwort weiss ganz allein der Wind

Wie grosse Berge von Geld gibt man aus
Für Bomben, Raketen und Tod
Wie grosse Worte macht heut‘ mancher Mann
Und lindert damit keine Not
Wie grosses Unheil muss erst noch geschehn
Damit sich die Menschheit besinnt
Die Antwort, mein Freund, weiss ganz allein der Wind
Die Antwort weiss ganz allein der Wind
Die Antwort, mein Freund, weiss ganz allein der Wind
Die Antwort weiss ganz allein der Wind

Es geht mir mit dieser Serie nicht darum, eine bestimmte Flüchtlingspolitik zu verfolgen. Es wird nicht die eine Lösung geben. Mir geht zum einen es darum, Menschen als Menschen wahrzunehmen und so mit ihnen umzugehen, dass sie eine gute Perspektive haben. Zum anderen ist es wichtig, eine eigene, differenzierte, respektierende, Meinung zu haben und sie zum Ausdruck zu bringen. Und diese kann, wie dieser Beitrag hoffentlich zeigt, durchaus durch Bilder sichtbar werden.

Begegnungsstätte Fröslevlager (Frøslevlejren)

Jeder Artikel wird weiter entwickelt, angepasst, ergänzt. Wenn Sie Anregungen oder Erlebnisse, historische und aktuelle Bilder haben, gerne mit uns zusammenarbeiten oder sich an dieser Stelle präsentieren möchten, dann schreiben Sie an redaktion@weites.land.

Kommentare

  • Ich möchte mich anschließen an die klaren Worte, die hier schon geschrieben stehen. Es wird höchste Zeit, dass wir unsere eigenen Ressourcen einsetzen, um dieser beängstigenden Entwicklung etwas entgegen zu setzen. Dringend benötigen wir eine neue Friedensbewegung, der ich mich sofort anschließen würde.
    „199 kleine Helden“ ist auch ein friedensstiftendes, völkerverbindendes Projekt. Egal, wie es den Kindern geht und in welcher Lebenssituation sie leben, nie sprechen sie hasserfüllt.
    Danke an Herrn Steffens, der die kleinen Held*innen hier nach und nach vorstellen wird. Ich komme gerade aus Guatemala, wo ich mit Diego gedreht habe. Davon später:)
    Sigrid Klausmann, Regisseurin „199 kleine Helden“

  • Lieber Kai,

    deine Gedanken und Bilder zu diesem Thema haben mich gerade sehr berührt. Alles, was du hier schreibst und zeigst fühlt sich so „richtig“ und wichtig an – regt zum Nachdenken an! Und plötzlich steht man mittendrin, mitten in diesem grausamen Schauplatz und ist gefangen in einer Stimmung, die den Atem raubt.

    Zum Thema „Menschlichkeit“ ist mir gerade vor ein paar Tagen noch die großartige Rede des Schauspielers/ Regisseurs/ Komponisten/ Produzenten… Charlie Chaplin aus dem Film „Der große Diktator“ in die Hände gefallen; sehr lesenswert – geschrieben vor 80 Jahren – und aktueller denn je!

    Für mich ist es sehr eindrucksvoll, wie du dich auf künstlerische Weise mit diesem Thema auseinandersetzt. Es steckt so viel Vorbereitung und Seele in diesem Beitrag…. Er ist ein wahrer „Seelenöffner“, so, wie du deine Art zu fotografieren auch selber beschreibst.

    Liebe Grüße
    Christiane

  • Lieber Kai,

    mit dieser Bilderserie hast du dein Ziel, das Lager in einer Stimmung darzustellen, die das widerspiegelt, wofür es steht, voll erreicht.
    Der Kodak Tri-X in Verbindung mit dem Licht/Nebel als Stilmittel funktionieren absolut!
    Deine Gedanken und Worte fassen die derzeitige Situation treffend zusammen. Der Text des Liedes „Blowin in the Wind“ (das ich schon tausendmal am Lagerfeuer sang) ist auf fast gruselige Weise aktuell und zeigt, wie wenig sich in der Welt ändert.
    Wenn man eins aus der Geschichte gelernt hat, dann, dass der Mensch nichts aus der Geschichte lernt.

    Liebe Grüße,

    Claus

    • Liebe Christiane, lieber Claus,
      Vielen Dank für Eure Zeilen. Ich finde es gerade spannend, sich mit der politischen Zeit des Kodak Tri X auseinander zu setzen. Die mit diesem Film gemachten Bilder erzählen von Krieg, von Apartheid, aber auch von einem Erstarken einer Friedensbewegung, einer Anti-Apartheidsbewegung, die letztendlich großen Einfluss in positiven Sinne hatten. Frieden wird es zwischen den Menschen nie geben, aber das ändert nichts daran, sich immer für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.
      Im Moment, so kommt es mir vor, wiederholt sich die damalige Zeit in all ihrer Brutalität und Kälte. Wenn wir hinnehmen, dass Menschen im Mittelmehr ertrinken, wenn wir hinnehmen, dass Mütter bei Gebären unter unerträglichen Schmerzen verrecken, weil es nicht ansatzweise die Standards unserer Medizin gibt (meine Nichte war als Hebamme in Flüchtlingslagern in Somalia und Griechenland in den letzten zwei Jahren), dann entscheiden wir über lebenswertes und lebensunwertes Leben. Vielleicht können wir Fotografierenden aufmerksam machen eben mit unseren Bildern. Ich habe mir einige Songs aus der damaligen Zeit vorgenommen und einen weiteren auch schon fotografiert. So ganz anders als diesen. Aber analog zu fotografieren bedeutet auch warten:-)
      Ich spüre jedenfalls, dass diese Art, Bilder einzufangen, sehr erfüllt. WEITES.LAND- das bedeutet für mich persönlich auch eine Weite in den Gedanken und Gefühlen. Und das halte ich vielleicht ein wenig für naiv, aber ein weiter Horizont ist ja anerkannt intelligenter als ein sehr eingeschränkter, beGRENZter Horizont.
      Vielleicht ist es ja ein Anstoß an andere Fotografierende, sich diesem Thema anzuschließen. Nutzen wir doch unsere Gaben:-)
      Nochmals vielen Dank für Eure Kommentare.

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