Geschichte Grenzlandgeschichten

Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen

Der Grenzort Padborg ist zugleich Start- bzw. Zielpunkt des Gendarmstien | © weites.land
Grenzroute und Gendarmstien entlang der dänisch-deutschen Grenze | © weites.land
Die Bonn-Kopenhagener Erklärung  führte schlagartig die einst durch Ideologie und Grenzzäune getrennten Menschen Dänemarks und Deutschlands spürbar zusammen. Vier Seiten reichten aus, die Minderheitenprobleme im Deutsch-Dänischen Grenzland zu überwinden. Am 29. März 1955 endete damit ein Konflikt zwischen den beiden Staaten und ohne kompliziertes Regelwerk entwickelte sich Laufe der folgenden 60 Jahre ein friedliches und freundschaftliches Miteinander.

Dabei hat die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein eine sehr junge Geschichte. Gehörte ein großer Teil Schleswig-Holsteins noch im 19. Jahrhundert zu Dänemark, gab es wiederkehrende Konflikte und Grenzverschiebungen. Nach einem Sieg über Dänemark vereinnahmte Preußen 1864 das Herzogtum Schleswig.

Im Jahr 1920 gab es infolge des verlorenen ersten Weltkrieges eine Abstimmung über den Grenzverlauf, der die deutsch-dänische Grenze südlich nach Flensburg besiegelte. Durch diese Ereignisse entstanden Minderheiten beidseitig dieser Grenzen. Nach dem zweiten Weltkrieg verzichtete Dänemark auf eine erneute Verschiebung der Grenzen. Zu dieser Zeit war Schleswig-Holstein von Flüchtlingen überlaufen, Hunger und Armut waren alltäglich.

Ein Blick nach Dänemark offerierte Wohlstand und Struktur. Die Politiker hierzulande versuchten alles, um der dänischen Minderheit, die nun parteipolitisch im SSW organisiert war, aus dem Landttag fernzuhalten. Obwohl beispielsweise die deutsche Minderheit in Nordschleswig (Dänemark) mit nur 9.700 Menschen einen Abgeordneten ins dortige Parlament entsenden durfte, scheiterte die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein mit 42.000 Stimmen an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Empörung in Dänemark zeigte sich quer durch alle Gesellschaftsformen.

Als im Jahr 1954 Kai-Uwe von Hassel Ministerpräsident wurde, bemühte sich Konrad Adenauer als deutscher Bundeskanzler um eine Aufnahme in die NATO. In diesem Wunsch sahen die Dänen eine Chance. Auf einer NATO-Ratstagung in Paris meldete sich der dänische Außenminister Hans Christian Hansen zu Wort und begrüßte es, wenn Deutschland Mitglied der NATO werden würde, im gleichen Satz lud er ein, doch endlich die Grenzlandprobleme der Minderheiten zu lösen, wenn man in Zukunft intensiver zusammenarbeite. Konrad Adenauer versprach, diese Angelegenheit umgehend zu lösen.

Es ist bemerkenswert, dass sich in den ersten Gesprächen im Februar 1955 ein Beamter mit NS-Vergangenheit und ein dänischer Historiker, dessen Haus die Wehrmacht kurz vor Kriegsende gesprengt hatten, gegenüber saßen.

Die Dänen äußerten im Protokoll die Bitte, die Fünf-Prozent-Hürde für die dänische Minderheit aufzugeben. Am 29. März 1955 wurde im Beisein des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss im Palais Schaumburg die vierseitige Erklärung von beiden Seiten unterschrieben.

Nun galt es, dass durch die junge Geschichte die Spannungen zwischen beiden Ländern abzubauen, Misstrauen zu beseitigen und langsam ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Ein langer Weg, der heute gute Früchte trägt. Heute arbeiten die dänische und die deutsche Minderheit zusammen, um gemeinsame Projekte voran zu treiben. Immer wieder gibt es Versuchungen einzelner Politiker, diese Vereinbarungen zu unterwandern, sei es mit der Kürzung der Zuschüsse für dänische Schulen oder der gerichtlichen Prüfung der fehlenden Fünf-Prozent-Klausel. Doch alle Versuche scheitern spätestestens mit Hinweis auf das vierseitige Dokument.

Ungeachtet der Politik leben die Menschen im Grenzland ein tief verbundenes Miteinander auf allen Ebenen.

Das haben nur die Politiker in Bayern und Berlin nicht verstanden, wenn sie heute mit dem Slogan „Ausländer sollen zahlen“ die Maut einführen und damit den Austausch im Grenzland behindern. Denn im Herzen der Menschen sind Grenzen weder sichtbar noch spürbar.

Nicht ohne Grund wurde das Europäische Zentrum für Minderheitenfragen in Flensburg angesiedelt, um von den Menschen, den Norddeutschen und den Süddänen zu lernen und die Erfahrungen dieses Miteinanders in die Welt zu tragen.

 

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