1864 Geschichte

Der Oeverseemarsch

Seit 1865 findet jedes Jahr am 06. Februar zum Gedenken an die Opfer des zweiten schleswig-holsteinischen Krieges ein Gedenkmarsch von Flensburg nach Oeversee statt: der Oeverseemarsch. Seit 2004 sind alle damals als Kriegsparteien vertretende Länder dabei. Doch was hat es damit auf sich?

Vielleicht war es so etwas wie die ersten Friedensbewegung, denn der Ursprung des Oeverseemarsches ist durchaus hilfsbereiter und friedlicher Natur.

Am 01. Februar 1864 brach der zweite Schleswigsche Krieg (auch Schleswig-Holsteinische oder Deutsch-Dänische Krieg) aus. Winterlich kalt war es, die Wege vereist. Die Schleswig-Holsteiner hatten sich mit Preußen und Österreich verbündet, um das Einverleiben Schleswig-Holsteins in das dänische Königreich zu verhindern.

Das dänische Militär war sich seiner Lage durchaus bewusst und wollte sich vor der Übermacht, die sich südlich des Dannewerks zusammen zog, zurück ziehen. Doch die Österreicher verfolgten die abziehenden Soldaten und verwickelten sie immer wieder in kleine Gefechte.

Wie schon im ersten Krieg, machten die Dänen Station in Oeversee, hier sollten 3000 Soldaten den Abzug ihrer Kameraden sichern. Gegen 14.30 kam es dann zum blutigen Gefecht zwischen den Kriegsparteien. Beide Seiten griffen zeitgleich an. Zum Teil gab es einen Kampf von Mann zu Mann. Dabei gab es auf österreichischer Seite 95 Tote und 311 verwundete, auf dänischer Seite 40 Tote und 134 Verwundete.

Nun gab es zu jener Zeit keine Nachrichtenübermittlung in Echtzeit, wie wir es heute kennen. Doch irgendwie drangen die Informationen ins 10 Kilometer entfernte Flensburg durch. Am Tag darauf setzten sich Menschen von dort ins Bewegung, um den Verletzten auf dem Schlachtfeld zu helfen.

Allerdings wurde ihnen wohl der Zugang zunächst von den preußischen Alliierten verwehrt, um Plünderungen  zu verhindern. Inwieweit sie konkrete Hilfe leisten konnten, ist nicht überliefert. Aber die Idee zählt. Auf jeden Fall, und da gibt es mehr Details zu, wurde ein Hilfsfond gegründet, der sogenannte „Hülfs-Comités“, in dem Gelder gesammelt wurden für die Opfer, um sie zu versorgen oder zu beerdigen. Mit dem Geld wurden vor allem in erster Linie die Lazarette unterstützt. Die Unterstützung ging sogar weiter, nachdem man die verletzten Soldaten auf den Pritschen der Pferdewagen nach Flensburg gebracht hatte. Mit den noch vorhandenen Spenden wurde anschließend die Pflege der Kriegsgräber unterstützt.

Ein Jahr nach dem blutigen Ereignis, am 06. Februar 1865, machten sich 4000 Menschen aus Flensburg auf zum ersten „Oeverseemarsch“. Sie kamen nach Oeversee, die „treudeutschen Männer“, meist Mitglieder des„Hülfs-Comités“. 

Am Vortag des ersten Weltkrieges, 27. Juli 1914, veranstaltete man zum 50 jährigen Jubiläum ein großes vaterländisches Fest und stellte die siegreiche Schlacht mit 10.000 Menschen in Oeversee nach. Allerdings hat diese Veranstaltung nichts mit dem eigentlichen Oeverseemarsch zu tun und wurde auch nicht von diesen Mitgliedern durchgeführt.

Dieser war eigentlich eine auf die Region bezogene Veranstaltung, die sich zur Tradition entwickelt hatte. Inhaltlich waren diese Veranstaltungen allerdings sehr nationalistisch und selbstherrlich. Es bedurfte den Verlust des ersten Weltkrieges, um demütiger zu werden. Denn nach der neuen Grenzziehung, in der Deutschland nach 56 Jahren die annektierten Gebiete zurück an Dänemark geben musste. Man gedachte nun der Deutschen, deren Zuhause ab jetzt im dänischen Königreich lag.

Doch der deutsche Nationalsozialismus flammte wieder auf, die Grenzen zueinander waren nicht ansatzweise so offen wie heute. Und so weckte Hitler Hoffnungen, das Nordschleswig und Südschleswig wieder eins werden konnten. Hitler und seine Schergen missbrauchten den Gedenktag, um aus ihm im Jahr 1939 (Ausbruch 2. Weltkrieg) ein großpreußisches Ereignis zu machen.

Bekanntlich wurde auch der zweite Weltkrieg verloren und somit eine Diskussion bei der stark vertretenden dänischen Minderheit angefacht, ob man nicht Südschleswig an Dänemark anbinden solle. Die Bereitschaft der Siegermächte dazu bestand durchaus. Das führte dazu, dass man ab den ab 1948 wieder stattfindenden Märschen oft sehr antidänische Reden hielt. 

Das sollte sich erst ab 1955 ändern mit der Verabschiedung der Bonn-Kopenhagener Erklärung, die als einer der größten Wendepunkte im dänisch-deutschen Zusammenleben gelten dürfen. Ab jetzt ging es in den Oeverseemärschen zunehmend um die humanitären Aspekte, nationale Einstellungen rückten immer mehr in den Hintergrund. Allerdings brauchte es seine Zeit, sich zu entwickeln  und als man 1964 versuchte, eine gemeinsame Gedenkfeier mit den Dänen zum 100-jährigen Jubiläum zu organisieren, waren die Wunden zwischen beiden Staaten noch zu frisch. Eine gemeinsame Feier gab es nicht.

Es sollte noch dauern, bis sich die Angst voreinander und die Vorurteile den anderen gegenüber abbauten. Am 06. Februar 2001 nahmen zum ersten Mal auch Mitglieder der dänischen Minderheit an diesem Oeversee-Marsch teil, zwei Jahre später trat der Landrat von Apenrade als Hauptredner der Veranstaltung auf. Unvorstellbare 140 Jahre nach dem für beide Seiten blutigen Ereignis, am 06. Februar 2004, gab es den lange erhofften kulturellen und sozialen Durchbruch: die Sydslesvig-Forening als dänischer Kulturverein in Schleswig-Holstein wurde Mitveranstalter, die Schüler des dänischen Gymnasiums Duborg in Flensburg nehmen seitdem am Oeverseemarsch teil, Genauso selbstverständlich wehen nun die dänische Flagge, die Schleswig-Holsteinische, die Österreichische und die Deutsche Flagge in gleicher Windrichtung nebeneinander und miteinander. Dänische Lieder werden genauso gesungen wie deutsche.

Eine traditionelle Gedenkveranstaltung musste erst mit seiner eigenen Tradition brechen, um eine neue, gemeinsame, fröhliche, freie und friedliche Tradition der Verbundenheit zu schaffen. Heute ist der Oeverseemarsch ein Friedensmarsch und eine Respektbekundung voreinander. Und er ist ein Zeugnis dafür, wie Frieden und Miteinander im Kleinen entsteht und die Humanität vor eigenen Ansprüchen stellt.

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