Ausflugsziele

Der nördlichsten Bahnübergang in Deutschland

Es gibt Koordinaten, die braucht kein Mensch. Doch als wir genau an dieser Stelle stehen, wird uns bewusst, dass wir uns am nördlichsten Bahnübergang Detuschlands und Schleswig-Holsteins befinden. Hier beginnt zugleich der Hindenburgdamm mit seiner Verbindung zur Insel Sylt.

Ein bisschen wirkt es wie im Niemandsland, Schafe und Möwen sind vermeintlich die einzigen Lebewesen, die uns begegnen. Wir haben das Ende einer elend langen Sackgasse erreicht, vor uns liegt der Nordseedeich. Ein paar kleine Entwässerungsgräben, ein kleines Umspannwerk und abgelagertes Material aus Holz und Reisig für den Küstenschutz, ansonsten nur plattes Land. Genau so lieben wir es.

Nördlich von uns ziehen die Autoreisezüge, die Intercity und Regionalbahnen von Klanxbüll nach Westerland auf die Insel Sylt und von ihr aus wieder zurück.

Etwa 10 Minuten laufe ich vom Auto entlang des Deiches bis an die Gleise. Rostiger Stacheldraht und ein engmaschiger Zaun trennt die Landschaft mit den Schafen und ihren Lämmern, aber auch uns, vom hier beginnenden Hindenburgdamm.  Ein paar Eisenbahnfotografen aus Deutschland und Dänemark wissen um diesen besonderen Platz, an dem man auf der dammhohen Anhöhe den Zügen so nahe kommen kann wie kaum woanders. Und sie wissen um die lange, gerade Streckenführung, welche die Züge von weitem sichtbar macht. Ein Bahnübergang, beidseitig geschützt, durch Metallgatter, gesichert mit entsprechenden Vorhängeschlössern. Denn dieser tatsächlich nördlichste Bahnübergang Deutschlands dient lediglich der Unterhaltung und Erreichbarkeit von Dienst- und Rettungsfahrzeugen.

Es kommt selten vor, dass sich Menschen nicht an die Abgrenzung halten und versuchen, entlang des Hindenburgdammes über das Wattenmeer zu Fuß nach Sylt zu gelangen. Ich kann versprechen, es bleibt nicht unbeobachtet und setzt sofort einen Hubschrauber in Bewegung. Der Einsatz will bezahlt werden.

So bleiben wir lieber hinter dem Zaun, wissen um die Sicherheit unserer Kinder und Hunde und die der Lämmer mit ihren Mutterschafen, studieren die Fahrpläne in Erwartung des nächsten Zuges und setzen uns auf den schräg hinabfallenden grasbewachsenen Damm, die Sonne des Südens im Gesicht.

Der hier beginnende Damm führt auf einer Länge von 11.200 Meter durch das Watt zur Insel Sylt. Die Idee, Sylt über einen Damm mit dem Festland zu verbinden, entstand bereits 1856. Im Jahr 1864 änderte der Dänisch-Preußische Krieg alles, erst 1920 entstand eine ganz demokratisch entschiedene Grenze zwischen Deutschland und Dänemark. Von nun an lag der Schiffsableger nach Sylt im dänischen Einflussbereich, der Gedanke an eine Landverbindung gewann also an Priorität.

Bereits 1921 begann man mit den Bauvorbereitungen, um im Mai 1923 mit dem eigentlichen Bau des Dammes endlich loszulegen. Doch bereits im folgenden August ereignete sich eine schwere Sturmflut, die alles bisher Erreichte zerstörte. Umgehend begann man von vorne. Etwa 1500 Arbeiter schufteten entlang der Baustelle Tag und Nacht. Sie verarbeiteten das Baumaterial, was etwa 70 Eisenbahnwaggons täglich anlieferten, zudem auch das Material, welches an die 30 Frachtsegler und 20 Lastkähne vom Husumer Hafen aus regelmäßig herschifften. Rund um die Uhr waren drei Schlepper im Einsatz.

Aus dem ganzen Land brachte man 400.000 Tonnen Steine für den etwa 10 Meter hohen Damm zur Baustelle, etwa 3.6 Millonen Kubikmeter Erde mussten bewegt, Pfähle in den Wattboden gerammt und mit Reisig ausgestopft werden.

Am 01. Juni 1927 konnte der Reichspräsident Hindenburg endlich das etwa 50 Meter breite Bauwerk einweihen und den Startschuss auf dem etwa 10 Meter breiten Gleisbett geben.

Ab 1932 setzte man die ersten Autoreisezüge ein, sie bestanden noch aus einfachen Waggons, erst ab dem Jahr 1962 kamen die doppelstöckigen Autowaggons dazu.

Heute befahren mehr als 100 Züge täglich den Hindenburgdamm, sie sind so etwas wie die Lebensader der Insel geworden, aber sie haben auch die Insel verändert, nicht nur im Guten. Heute ersäuft die Insel in Autos, es gibt so viele Mietwagen, dass man gar nicht mehr weiß, wohin damit. Mit dem Damm kamen auch die Reichen und haben die sozialen Strukturen und die ursprüngliche Inselkultur zerstört. Insulaner verkaufen zu horrenden Preisen ihr Hab und Gut, sie machen Kasse und bezahlen es mit ihrer Heimat, die für viele Insulaner fremd geworden ist.

Die Gedanken kreisen, die Faszination von Sylt und dessen Damm ist ungebrochen. Wir schauen aufs Watt und freuen uns auf die Insel, um ihn zu suchen, den Geist, der einst das schöne Sylt geprägt hat. Und hinter uns kommt der nächste Zug, rauscht in Sekunden an uns vorbei und wird auf seine Weise die Insel wieder ein Stück verändern.

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