Der echte Norden

Armutszeugnis für den echten Norden

Astrid Lindgrens Welt | © mare.photo
Astrid Lindgren hat den Erwachsen so leidenschaftlich gezeigt, wie sie klug und liebevoll mit Kindern umgehen | © mare.photo

Glaubt man dem Machern der Seite „der echte Norden“, dann ist Schleswig-Holstein ein Paradies. Wir überschlagen uns förmlich mit Superlativen, mit Erfolgen und Karrieren. Zugegeben, der echte Norden, also, gemeint ist Schleswig-Holstein, ist ein echtes Paradies. Gäbe es da nicht etwa 19 Prozent der Kinder, die in diesem wunderbaren Bundesland in Armut aufwachsen.

Wie wenig dem echten Norden (also, Schleswig-Holstein nennt sich komischerweise so) die Zukunft am Herzen liegt (wir meinen damit unsere Kinder), zeigt sich, dass seit Jahren die Zahl der armen Kinder in Schleswig-Holstein stagniert. Und das, obwohl es in diesem Land mit der Wirtschaft bergauf geht.

Doch verfügen etwa 10 Prozent der Menschen über fast 60% des Kapitals. Die Tendenz ist steigend. Dagegen haben es vor allem kinderreiche Familien und Alleinerziehende überproportional sehr schwer, Fuß zu fassen.

Alleine, wer ein Kind bekommt, wird mit einem unerträglichen Wust an Formularen erschlagen. Und immer noch gilt, weil die Politiker es sich ja nicht mit den Wohlverdienenden und Erben versauen wollen, dass Kinder reicher Menschen mehr Geld bekommen als Kinder armer Menschen.

Auch, wer sein Kind verantwortungsbewusst in den ersten Jahren selbst groß ziehen möchte, wird bestraft. Während Menschen, die ihr Kind in die Betreuung geben, endlich einen kläglichen Zuschuss auf Antrag bis zu 100 EUR pro Monat erhalten dürfen, um dann Geld zu verdienen, bekommen die Menschen, die ihr eigenes Kind zuhause betreuen, damit auf Gehalt verzichten und damit Betreuungsplätze freihalten, nichts.

Gerade Alleinerziehende, die für Niedriglohn zum Teil mehrere Jobs machen, müssen dann von diesem kleinen Geld eine gewaltige Summe für die Kinderbetreung ausgeben. Und die kann je nach Gemeinde pro Kind deutlich über 500 EUR im Monat liegen. Gut, schrittweise hat die Regierung geplant, die Kinderbetreuung in den nächsten Jahren kostenfrei zu gestalten. Aber wenn man bedenkt, dass ganz spontan und unbürokratisch Milliarden in die marode HSH Nordbank geflossen sind und die TOP-Verdiener trotz ihres ruinösen Handelns zu ihrem utopischen Einkommen ihre Boni bekamen, wird einem schlecht. Die Rechnung wäre einfach, hätte man die HSH Nordbank vor die Hunde gehen lassen und das Geld in die Förderung aller Kinder zu gleichen Teilen gesteckt, wäre dies wahrscheinlich wirtschaftlicher und zukunftsweisender gewesen.

Astrid Lindgrens Welt | © mare.photo

In Astrid Lindgrens Welt machen die Kinder Sozialpolitik | © mare.photo

Wir brauchen Kinder, und wir wollen sie. Aber das kann nicht weiter ein individuelles Anliegen sein, sondern fordert eine gesellschaftliche Tragfähigkeit. Lehrmittelfreiheit, kostenfreie Schulbusse und individuelle Förderungen währen das mindeste. Stattdessen bekommen Luxushotels Millionen an Subventionen, deren Arbeitskräfte sich dann mit dem Mindestlohn zufrieden geben müssen. IKEA wurde gefördert und zahlt kaum Steuern. Dabei verfügen die dortigen Arbeitnehmer oft nur über schlechtbezahlte Minijobs, müssen alle Zeit zur Verfügung stehen und können trotz ihrer Arbeit kaum zum Steuerauskommen beitragen. Das Gleiche darf übrigens von Möbel Kraft erwartet werden, die Ausbildung der Mitarbeiter trägt die Agentur für Arbeit, bei Neueröffnungen werden die subventionierten Arbeitskräfte dann verheizt und nach Ablauf des ersten Ansturmes im Fünf-Minuten-Takt entlassen, so zumindest die Regel bei dem Mutterunternehmen Höffner.

In Schweden, also im echten Echten Norden,  hat jedes Kind ein Anrecht auf die kostenfreie Nutzung eines Musikinstrumentes, einschließlich musikalischer Ausbildung. Schweden gehört heute zu den führenden Nationen, wenn es um musikalische Erfolge geht. Wir brauchen uns nicht neu erfinden, wir dürfen erfolgreiche Konzepte gerne kopieren. Dabei fängt das Denken und Handeln in unseren Köpfen und in unseren Herzen an, wenn wir beginnen, einem Kind mit Respekt zu begegnen, egal, woher es kommt. Ich wünsche mir ein Schleswig-Holstein, was seinen Erfolg im Wohl unserer Kinder und Familien sieht, anstatt mit seinem seelentoten echten-Norden-Slogan so sinnbefreit auf die Trommel zu hauen.

Schleswig-Holstein – Wir machen Musik, das wäre mein Slogan, angelehnt an unsere vielen Festivals im Lande, ein Orchester mit Kindern aus den sogannten Sozialbrennpunkten, eine kulturell bunt gemischte Kindertruppe als Samba-Gruppe, die uns Erwachsenen zum Lächeln bringt, eine Bühne auf der Kieler Woche, die nur von geförderten Kindern bespielt wird. Dazu braucht es einen Willen und vor allem eines: Die Liebe zu den Kindern. Und das an die Hand nehmen von Familien.

Wie wäre es, bei einem Neugeborenen die Eltern zu besuchen, steuerliche Privilegien abzuschaffen, jedem Neugeborenen das gleiche Geld zukommen zu lassen, die Formulare deutlich zu reduzieren und ihm ein kleines Instrument an die Hand zu geben, als eine Melodie fürs Leben – mit dem Versprechen, es musikalisch kostenfrei zu fördern und seine Talente zu entdecken?

Stattdessen wird gerade der Weg frei gemacht, einen gläsernen Vorbau für das Schloss Gottorf zu errichten, für Millionen. Investition in Beton statt in Menschen. Dagegen darf ein kleines und beliebtes Spiel-Piratenschiff für Kinder am Eutiner Schloss aus Gründen des Denkmalschutzes nicht bleiben. Dabei fordert ein Denkmal, wie der Name ja schon sagt, zum Denken auf. Der echte Norden – ein echtes Armutszeugnis.

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